Freitag, 29.09.2017

12:00 - 13:30

N 018

S29-10

Alter(n) und Intersektionalität

Moderation: K. Falk, Berlin

In der Intersektionalitätsforschung fristet die Kategorie des Alter(n)s bislang ein eher randständiges Dasein. Wenn überhaupt, tritt sie als ‚Platzhalterkategorie‘ in Erscheinung, mit der angedeutet wird, dass es neben Geschlecht, Klasse und Ethnizität weitere Kategorien gibt, die beachtet werden müssen. Andererseits muss für die gerontologische Forschung festgestellt werden, dass hier die intersektionale Perspektive oftmals fehlt. Hier gilt es, die Eigenständigkeit von Alter als Differenz- und Ungleichheitskategorie sichtbar zu machen und nicht nur als Verstärkung anderer Differenz- und Ungleichheitsverhältnisse zu verstehen. Weiterhin ist zu berücksichtigen, wie die soziale Konstruktion von Alter(n) mit den Konstruktionen anderer Kategorien sozialer Differenzierung wie z.B. geschlechtliche und sexuelle Identität, ethnische Herkunft oder Behinderung zusammenhängt. Dabei interessiert, welche Wechselwirkungen zwischen diesen Differenzierungskategorien bestehen oder inwiefern Marginalisierung und Abwertung aufgrund des höheren Lebensalters mit anderen Ungleichheitsdimensionen verwoben sind.

In diesem Symposium werden unterschiedliche Intersektionen näher beleuchtet. Der erste Vortrag gibt eine konzeptuelle Einführung in den Intersektionalitätsansatz am Beispiel des Zusammenwirkens von Alter(n) und Geschlecht. Der zweite Vortrag ergänzt die Perspektive auf Geschlecht und Altern mit der Infragestellung der binären Geschlechterordnung durch Lebenswelten von trans* und intergeschlechtliche Senior_innen sowie der Differenzierungskategorie der sexuellen Identität am Bespiel von lesbischen und schwulen Pflegebedürftigen in Regeldiensten pflegerischer Versorgung. Der dritte Vortrag beschäftigt sich mit den Kategorien Alter und Behinderung. Gemäß dem Konzept der Intersektionalität ergeben sich aus der Verschränkung beider Kategorien neue Formen der Ungleichheit, die hier beleuchtet werden sollen. Der vierte Vortrag erörtert, wie ein intersektionaler Zugang für die Analyse ethischer Normen in gesundheitspolitischen Diskursen und deren Bedeutung für den Umgang mit Diversität (hinsichtlich Alter(n), Ethnizität, Religion und Geschlecht) in Organisationen der Versorgung am Lebensende konstruktiv genutzt werden kann.

12:00
Mehrdimensionalität intersektionaler Analysen am Beispiel von Alter(n) und Geschlecht
S29-10-01 

A. Richter; Kassel

Bereits ein kursorischer Blick auf die Debatte um Intersektionalität macht deutlich, dass es sich hier nicht um eine in sich geschlossene Theorie oder einen einheitlichen Ansatz zur Untersuchung multipler Ungleichheitslagen handelt. Vielmehr werden Offenheit und Mehrdeutigkeit als zentrale Merkmale des Konzepts beschrieben, die sich aus der Vielfalt der Bezugstheorien und der Mehrdimensionalität der zu untersuchenden Differenzkategorien und Ungleichheitsverhältnisse ergeben. In meinem Beitrag möchte ich zunächst einen Vorschlag zur mehrdimensionalen und multiperspektivischen Konzeptualisierung von Intersektionalität machen. Dieser soll anhand ausgewählter Ergebnisse meiner Untersuchung zur Verwobenheit von Alter(n), Geschlecht und ostdeutscher Herkunft veranschaulicht werden. Im Zentrum steht dabei die Notwendigkeit der Unterscheidung verschiedener Analyseebenen, die sich nicht bruchlos ineinander übersetzen lassen, sondern in ihrer Eigenständigkeit untersucht werden müssen (Mehrdimensionalität) sowie unterschiedlicher Formen des Zusammenwirkens von Differenzkategorien und Ungleichheitsverhältnissen (Multiperspektivität).  

12:20
Altern & geschlechtliche/sexuelle Identitäten: LSBT*I-Senior_innen in der Altenhilfe und Altenpflege
S29-10-02 

R. Lottmann; Berlin

Am Beispiel der Bevölkerungsgruppe pflege- und betreuungsbedürftiger lesbischer, schwuler, bisexueller, trans*- und intergeschlechtlicher (LSBT*I) Senior_innen geht dieser Beitrag den Fragen nach, welche Potenziale intersektionale Perspektiven auf das Alter(n) für die Alternsforschung eröffnen und welche Folgen eine Hetero- oder Asexualisierung in pflegerischen Regeldiensten nach sich ziehen.

Noch immer orientieren sich die meisten Einrichtungen der (stationären) Altenhilfe an einer imaginären hegemonialen Gruppe, die wir mit den Kategorien weiß, christlich, heterosexuell und der Mittelschicht angehörend beschreiben können. Unter dem Stichwort kultursensible Altenpflege finden Sichtbarkeitsdiskurse zu Migration und Altenpflege statt, die sich – bezogen auf Inhalte und Strategien – dem Themenfeld LSBT*I und Pflege ähneln. Gleichwohl verweisen erste Studien zu Pflege von LSBT*I_Senior_innen in Deutschland auch auf Grenzen des Konzepts der kultursensiblen Pflege u.a. in Anbetracht der Vielfalt von Diversitätsdimensionen in den Lebenswelten von LSBT*I.

Auf der Basis von Ergebnissen des Forschungsprojekts GLEPA (Gleichgeschlechtliche Lebensweisen und Pflege im Alter) der Alice Salomon Hochschule Berlin, welches auf der Analyse von Expert_inneninterviews sowie biografisch-narrativen Interviews mit homosexuellen sowie trans- und intergeschlechtlichen Senior_innen basiert, werden biografische Besonderheiten, spezifische Bedarfe und Strategien vorgestellt. Dabei sollen an den Intersektionen „Altern“ und „Sexualität/Geschlecht“ nicht nur Verschärfungen von Vulnerabilität, sondern die Notwendigkeit einer diversitätssensiblen Altenpflege (als Weiterentwicklung der kultursensiblen Altenpflege) diskutiert werden.

12:40
Alter und Behinderung, Behinderung und Alter – Betrachtungen aus einer intersektionalen Perspektive
S29-10-03 

T. Denninger; Berlin

Weder Alter noch Behinderung gehören zu den Kernkategorien der Intersektionalitätsdebatte. Während zwar die Intersektionen von Behinderung und Geschlecht und auch von Alter und Geschlecht untersucht werden, gibt es zur Intersektion von Alter und Behinderung bislang kaum Untersuchungen. Dabei ist eine Verknüpfung beider Kategorien durchaus von Interesse sowohl für die Forschung als auch für die Praxis. Immer mehr Menschen mit Behinderung erreichen ein hohes Alter, ebenso geht die insgesamt höhere Lebenserwartung auch bei der Bevölkerung ohne angeborene Behinderung mit einem Anstieg chronischer Erkrankungen einher.

Für die Theoriebildung erscheint auch der Vergleich beider Kategorien gewinnbringend. Beide weisen sie doch zahlreiche Parallelen auf. So sind beide Kategorien in den Körper eingeschrieben und meist nach außen hin sichtbar. In beiden Fällen dient der intakte, weitestgehend unversehrte und funktionstüchtige Körper als Norm, an dem die Umwelt oder das Subjekt selbst sich bemisst. Sowohl der alternde als auch der behinderte Körper werden in diesem Sinne „zugerichtet“, sei es durch das Trainieren des Körpers oder dessen Annäherung an einen „normalen“ Körper mithilfe zahlreicher Hilfsmittel. Doch es bestehen auch Unterschiede: So führen Prozesse der Biologisierung und Naturalisierung in beiden Fällen zu unterschiedlichen Bewertungen. Die gesellschaftlichen, historisch unterschiedlich gewachsenen Bilder von Alter und Behinderung führen zu unterschiedlichen Deutungsmustern. Anhand von empirischem Material aus zwei Forschungsprojekten sollen  Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie die Effekte der Überschneidung beider Merkmale beleuchtet und diskutiert werden.  

13:00
Altern und Sterben in Diversität – Implikationen einer intersektionalen Perspektive für die Analyse gesundheitspolitischer Diskurse
S29-10-04 

S. Migala, U. Flick; Berlin

Angesichts der wachsenden und zunehmend in Diversität alternden Bevölkerung gewinnen Fragen sozialer Gerechtigkeit und des Verbots von Diskriminierung in der Gesundheitsversorgung aus ethischer Perspektive zunehmend an Bedeutung. Besonders relevant ist die Auseinandersetzung mit Benachteiligungen und möglichen Ungerechtigkeiten im Gesundheitswesen, die sich für vulnerable Gruppen, wie z.B. für Menschen mit Migrationshintergrund, sowie sich daraus ergebende Konflikte am Lebensende zeigen. Um dem entgegenzuwirken, braucht es ethisch vertretbare und mit dem Wertesystem des Grundgesetzes vereinbare Rahmenbedingungen für eine gelingende Interkulturalität der Versorgung oder alternativer Lösungsansätze. Eine vom BMG geförderten Studie setzt sich daher u.a. mit der Fragestellung auseinander, welche ethischen Prinzipien und Werte in den gesundheitspolitischen Diskursen adressiert bzw. abgewogen werden, welche Kriterien und Argumentationen zur Begründung einer Werteorientierung herangezogen werden und sich in den strukturellen und rechtlichen Rahmenbedingungen widerspiegeln. Dabei interessiert besonders, inwieweit Interkulturalität bzw. eine diversitätssensible Versorgung als normatives Konzept mit einem ethischen Anspruch an eine gute und gerechte Versorgung und zur Vermeidung von Diskriminierung am Lebensende verbunden ist. Methodisch wird zunächst in einer Diskursanalyse, für die als Material Diskussions- und Positionspapiere z.B. der politischen Parteien, der Wohlfahrts- und Berufsverbände oder der Kranken- und Pflegeversicherungen zu gesetzlichen Neuregelungen im SGB V und XI herangezogen werden, aus einer intersektionalen Perspektive herausgearbeitet, inwieweit bestimmte Differenzierungskategorien wie Alter, Geschlecht und Ethnizität in den Diskursen überhaupt bedeutsam sind und wie verwoben sie untereinander sind. Präsentiert werden erste Ergebnisse dieser Diskursanalyse, die den Ausgangspunkt für die sich anschließende Analyse von individuellen und kollektiven Repräsentationen ethischer Normen von verantwortlichen Akteuren in Organisationen der Versorgung am Lebensende bilden. Diskutiert wird, inwieweit eine intersektionale Perspektive ermöglicht, im Weiteren die Wechselwirkungen relevanter Differenzierungskategorien auch zwischen der Struktur- und Repräsentationsebene zu untersuchen, um Anknüpfungspunkte für Veränderungsprozesse zu identifizieren und hierfür geeignete Maßnahmen zu entwickeln.

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