Donnerstag, 28.09.2017

15:30 - 17:00

N 101

S28-12

Bewältigung sensorischer Einbußen im Alter und damit einhergehende Konsequenzen für Interventionen

Moderation: I. Himmelsbach, Freiburg; L. Wolski, Freiburg

Die steigende Lebenserwartung der Bevölkerung geht mit einem zunehmenden Maß an neurodegenerativen Erkrankungen einher, gleichzeitig aber auch mit altersbedingten sensorischen Einbußen, insbesondere Seh- und Höreinschränkungen.   

Visuelle Einschränkungen nehmen dabei häufig einen negativen Einfluss auf die alltäglichen Aktivitäten. So kann die Unfähigkeit des Lesens eines Buches bzw. der Packungsbeilage eines Medikaments zu einer Herausforderung werden (Tolman, Hill, Kleinschmidt & Gregg, 2005). Folglich kann es zu einer verzerrten Wahrnehmung der eigenen Fähig- und Fertigkeiten kommen. Mobile Einschränkungen sowie Schwierigkeiten Gesichter korrekt zu erkennen, können zu sozialem Rückzug führen (Tolman et al., 2005). Nicht selten wirken sich die visuellen Einschränkungen somit negativ auf das psychische Wohlbefinden aus. Depressionen, ein herabgesetztes Selbstbewusstsein sowie eine schlechte Lebensqualität können Auswirkungen sein (Horowitz, Leonard, & Reinhardt, 2000). Die individuelle Art und Weise des Umgangs mit der Erkrankung im Alltag spielt deshalb eine wichtige Rolle. Dies erfordert von den Akteuren auch neue Bewältigungsstrukturen umzusetzen (Stevelink, Malcolm & Fear, 2015).

Obwohl für jede der altersbedingten Einschränkungen (Hören, Sehen, Kognition) eigene Interventionsansätze vorliegen, gibt es bislang kein umfassendes Gesamtkonzept, das duale oder mehrfache Einschränkungen gleichermaßen anspricht. Im Bereich der Seheinschränkungen und der Kognition konnte beispielsweise gezeigt werden, dass problemlösezentrierte Ansätze sowie die Aktivierung eigener Ressourcen positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben. Auch der Einsatz von invasiven wie nicht-invasiven Mitteln (z.B. Brille, Laser-OP, Hörgerät), kann einen positiven Outcome zur Folge haben.          

Das Symposium beleuchtet im näheren die Frage, welche Formen des Umgangs mit einer Sehbeeinträchtigung gewählt werden, um mit der Erkrankung im Hinblick auf Alltagskompetenz und Wohlbefinden in Einklang leben zu können. Hierbei interessieren neben intrinsisch motivierten Veränderungen (z.B. Mobilisation eigener Ressourcen) auch externe Einflüsse auf die Erkrankung (z.B. umweltbezogene Einschränkungen). Darüber hinaus stellt sich die Frage, welche Strukturen und Inhalte Interventionen aufweisen sollten um den Bedürfnissen, von Personen mit sensorischen (z.B. Presbyacusis, AMD) sowie neurodegenerativen Erkrankungen (z.B. MCI, Alzheimer), angemessen gerecht zu werden.

15:30
„Loslassen oder dranbleiben?“ - Veränderungen in assimilativen und akkomodativen Copingstrategien und ihre Zusammenhänge mit Alltagskompetenz und Wohlbefinden bei älteren Erwachsenen mit und ohne sensorische Beeinträchtigungen
S28-12-01 

M. Wettstein, H.-W. Wahl, V. Heyl; Heidelberg

Ältere Erwachsene mit Seh- oder Hörverlust benötigen häufig spezielle Copingstrategien, etwa die hartnäckiger Zielverfolgung (HZV; oder Assimilation) oder flexibler Zielanpassung (FZA; oder Akkomodation), um trotz sensorischer Einbußen ein hohes Maß an Autonomie und Wohlbefinden aufrechtzuerhalten. In dieser Studie wurden Veränderungen in HZV und FZA über 4 Jahre bei älteren Personen mit und ohne sensorische Beeinträchtigungen untersucht. Zudem wurden die Zusammenhänge dieser beiden Copingstrategien mit Maßen der Alltagskompetenz (Aktivitäten des täglichen Lebens, Freizeitaktivitäten) und des Wohlbefindens (umweltbezogene Autonomie, Lebenszufriedenheit, Einsamkeit, positiver und negativer Affekt) analysiert. Die Stichprobe bestand aus 387 älteren Erwachsenen zwischen 72 und 95 Jahren (M = 82.50 Jahre, SD = 4.71 Jahre), die entweder sehbeeinträchtigt (SB; n = 121), hörbeeinträchtigt (HB; n = 116) oder sensorisch unbeeinträchtigt (UB; n = 150) waren. 168 Personen nahmen am zweiten Messzeitpunkt nach 4 Jahren teil. In der Gruppe der UB blieb HZV stabil über 4 Jahre hinweg, während in den SB- und HB-Gruppen ein Rückgang in HZV zu beobachten war. FZA nahm signifikant ab in der UB-Gruppe, jedoch signifikant zu in der HB-Gruppe. In allen drei Gruppen hing (bei Kontrolle von Alter, Geschlecht, kognitiven Fähigkeiten und Zahl chronischer Erkrankungen) FZA enger mit Wohlbefindensindikatoren zusammen als HZV. In der SB-Gruppe war der Zusammenhang von HZV mit den Alltagskompetenzmaßen negativ, und in dieser Gruppe waren höhere HZV-Ausprägungen zum ersten Messzeitpunkt außerdem mit mehr negativem Affekt 4 Jahre später verbunden. Unsere Befunde legen nahe, dass Veränderungen in assimilativen und akkomodativen Copingstrategien in Abhängigkeit der sensorischen Fähigkeiten älteren Personen unterschiedlich ausfallen. Zudem scheint der sensorische Beeinträchtigungsstatus in einem gewissen Ausmaß die Zusammenhänge dieser Copingstrategien mit Alltagskompetenz und Wohlbefinden zu moderieren.

15:55
Psychosoziale und umweltbezogene Einschränkungen und Ressourcen bei älteren Menschen mit einer stärkeren Sehbeeinträchtigung – Das Projekt COVIAGE
S28-12-02 

A. Seifert; Zürich/CH

Mit der Zunahme des Anteils älterer Menschen in der Bevölkerung steigt die Zahl der Personen, die im Alter neu mit einer Sehbeeinträchtigung konfrontiert sind. Die damit verbundenen Krankheitsbilder werden in den nächsten Jahren nicht nur medizinisch, sondern auch gesellschaftlich an Bedeutung gewinnen. Aber wie bewältigen ältere Menschen mit einer erst im Alter auftretenden stärkeren Sehbeeinträchtigung ihr Alltagsleben, welche umweltbezogenen Einschränkungen erleben sie und welche Ressourcen zum Aufrechterhalten des Wohlbefindens setzen sie selber ein? Diesen Fragen geht die COVIAGE-Studie in der Schweiz nach. COVIAGE beleuchtet das Thema seit 2013 mit Literaturrecherchen, Experten-Workshops sowie qualitativen (N = 22) und quantitativen Erhebungen (N = 1299) und erarbeitet Faktoren für ein erfolgreiches Altern mit einer Seh- und Hörbeeinträchtigung. Mittels einer telefonischen Bevölkerungsbefragung in der Schweiz konnten im Herbst 2016 bei 1.299 Personen im Alter von 70 bis 98 Jahren (Durchschnittsalter: 78; 56% Frauen) Informationen zu ihrer subjektiv wahrgenommen Sehfähigkeit und allfälligen funktionalen Beeinträchtigungen erhoben werden. Von diesen befragten Personen hatten 110 Personen eine Beeinträchtigung des Sehens, welche sich erst im Alter ab 60 Jahren abzeichnete. Die 110 Personen konnten daraufhin intensiver zu ihren Alltagseinschränkungen, Ressourcen und Bewältigungsstrategien befragt werden. Es zeigt sich, das die Seheinbussen direkten oder indirekten Einfluss auf das psychische Wohlbefinden und die Alltagsbewältigung haben und auch Umweltfaktoren wie die sozialen Kontakte oder das Wohnenbleiben zu Hause beeinflussen. Es zeigt sich aber auch, dass die Personen, die eine proaktive und frühzeitige Auseinandersetzung mit den erlebten Beeinträchtigungen vornehmen und informelle wie formelle Unterstützungsangebote sowie Hilfsmittel annehmen, ihren Alltag besser bewältigen können. Die ersten Ergebnisse der COVIAGE-Studie zeigen, dass der Alltag mit einer Sehbeeinträchtigung mit tagtäglichen Einschränkungen und Neubewertungen der eigenen Lebensqualität verbunden ist. Durch Nutzung persönlicher, sozialer, medizinischer und technischer Ressourcen kann trotz Sehbeeinträchtigung ein selbstbestimmtes und gutes Leben im Alter geführt werden.

16:20
Förderung der visuellen, auditiven und kognitiven Gesundheit älterer Menschen: Erste Ergebnisse der Prozessevaluation des Projektes SENSE-Cog
S28-12-03 

L. Wolski, I. Himmelsbach; Freiburg

Hintergrund: Immer mehr ältere EU-Bürger werden in den kommenden Jahren mit Seh- bzw. Höreinschränkungen konfrontiert. Derzeit liegt viel Wissen bezüglich der jeweiligen Einschränkungen und ihren Auswirkungen auf psychische und physische Belange vor, jedoch kaum Befunde bezüglich des Auftretens von mehrfachen Beeinträchtigungen und deren Auswirkungen auf die Kognition. Das Projekt SENSE-Cog, gefördert durch Horizon 2020, versucht mit 17 Partnern durch die Entwicklung einer neuartigen Intervention für ältere Personen mit Seh- und Höreinschränkungen sowie Demenz einen Lösungsansatz zur Verbesserung von Kognition und Lebensqualität zu finden. Der Fokus liegt hier vor allem auf dem Einbezug der Perspektiven unterschiedlicher Interessensvertreter mit dem Ziel, in der Interventionsentwicklung, deren Bedürfnisse und Erfahrungen zu berücksichtigen.

Methode: Die Entwicklung der Intervention erfolgt mittels einer Prozessevaluation. Anfangs wird ein Expertenworkshop durchgeführt, wobei die Herausforderungen einer Intervention eruiert werden. In darauf folgenden Fokusgruppeninterviews werden Dyaden zu pflegerischen Bedürfnissen und Ansichten bezüglich untersuchungsbezogener Vorgehensweisen befragt. Die Interessenvertreter sollen auch zu diversen Inhalten und Modulen einer Intervention Stellung beziehen. Der Fokus richtet sich auf die Wahrnehmung der Einschränkungen sowie den intraindividuellen Umgang. Die Erhebung erfolgt an drei Standorten: MAN, BDX & CYP (Pflegende (n=8), Personen mit Demenz (n=8) sowie Experten (n=8)). Die Ergebnisse werden entsprechend der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2000) analysiert. In einem weiteren Schritt erfolgt die Implementierung des gewonnenen Materials in einer Pilotstudie. Dabei werden die TN (n=24) gezielt zu den einzelnen Aspekten der Intervention befragt.

Ergebnisse: Die Experten behandeln häufig nur ihre Einschränkung und gehen nur selten auf weitere Einschränkungen ein. Die Fokusgruppen weisen auf länderspezifische Unterschiede bezüglich des Umgangs sowie des Verständnisses von Seheinschränkungen hin. Kognitive Beeinträchtigungen dominieren dabei die Diskussion. Für eine Intervention stehen die sensorischen Einbußen aus Sicht der Betroffenen nicht im Vordergrund.

Diskussion: Die Ergebnisse verdeutlichen, dass eine bessere Vernetzung zwischen den Fachdisziplinen hergestellt werden muss - Experten in unterschiedlichen klinischen Kontexten sind nur unzureichend über die jeweils andere Beeinträchtigung informiert.

Diskutantin: V. Heyl, Heidelberg

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