Freitag, 29.09.2017

12:00 - 13:30

N 106

S29-09

Demenzversorgung: Ausgewählte soziale Innovationen und ihre Potenziale

Moderation: L. Schirra-Weirich, Aachen; H. Wiegelmann, Köln

In diesem Symposium werden die Sichtweisen und Bedarfe von potentiellen Nutzer*innen auf neuartige Konzepte, Strukturen und Angebote in der Versorgung von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen fokussiert.

Zur Einordnung innovativer Ansätze und Weiterentwicklungen im Bereich sozialwissenschaftlicher Forschung, etabliert sich in jüngster Vergangenheit das Konzept der „Sozialen Innovationen“. Als soziale Innovation werden für gewöhnlich Prozesse der Entstehung, Durchsetzung und Verbreitung von neuen sozialen Praktiken in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen verstanden. Trotz vielfältiger Diskursstränge besteht weitgehend Einigkeit darin, dass sich der Begriff auf Entwicklungen bezieht, die im direkten Zusammenhang mit der Suche nach Lösungen für zentrale gesellschaftliche Fragen und Herausforderungen stehen. Das Symposium versteht die Versorgung, Betreuung und Begleitung von Menschen mit Demenz sowie die Unterstützung von versorgenden Angehörigen als eine solche, gesamtgesellschaftlich zu gestaltende Aufgabe.

Das Forschungsfeld der Demenzversorgung zeichnet sich in den vergangenen Jahren durch eine hohe wissenschaftliche und praxisorientierte Dynamik und eine Vielzahl sogenannter sozialer Innovationen und Interventionen aus. Debatten um die Weiterentwicklung und Verbesserung der Hilfs- und Unterstützungsstrukturen von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen werden dabei zumeist um Neuerungen von Konzepten, Strukturen oder Angeboten geführt. Das Symposium möchte sich diesen drei zentralen Ebenen der Demenzversorgung(-sforschung) widmen und beispielhaft innovative Ansätze vorstellen und diskutieren.

Auf konzeptioneller Ebene wird ein Blick auf den Begriff der „Stabilität“ im Kontext häuslicher Versorgungsarrangements geworfen (Beitrag 1). Der strukturelle Ansatz, Leistungen und Dienste regionalisiert-vernetzt anzubieten, steht im Mittelpunkt des zweiten Beitrags. Der dritte Beitrag wiederum fokussiert Bauernhöfe als ein neuartiges Angebot im Rahmen der Demenzversorgung. Primär stehen in den Beiträgen die Sichtweisen der potentiellen Nutzer*innen im Vordergrund, insbesondere die von Menschen mit Demenz und/oder ihren Angehörigen.

12:00
Das Konzept der „Stabilität von häuslichen Versorgungsarrangements für Menschen mit Demenz“ – Definition und Ergebnisse einer Meta-Study
S29-09-01 

K. Köhler, J. Dreyer, B. Holle; Witten

Hintergrund: Im Verlauf einer Demenz ist die Herstellung und Aufrechterhaltung einer stabilen Versorgungssituation sowohl handlungsleitendes Motiv pflegender Angehöriger als auch gesundheitspolitisches Ziel. Ein konzeptionelles Verständnis dafür, was Stabilität konstituiert und wodurch sie im Zeitverlauf beeinflusst wird, fehlt jedoch bisher.

Forschungsfragen: Was konstituiert und beeinflusst Stabilität von häuslichen Versorgungsarrangements für Menschen mit Demenz? Was bedeutet Stabilität für pflegende Angehörige?

Methode: In einem Konsensprozess mit Wissenschaftler*innen wurde eine Arbeitsdefinition von Stabilität abgestimmt (von Kutzleben et al. 2015). Daran schließt sich eine Meta-Study an, die sowohl Forschungsergebnisse (Meta-Data), als auch Theorien (Meta-Theory) und Methoden (Meta-Method) der eingeschlossenen Studien (n=142) analysiert. Die Datenanalyse folgt Prinzipien der qualitativen Inhaltsanalyse sowie der Meta-Ethnografie. Zur Methode vgl. auch PROSPERO (CRD42016041727).

Ergebnisse: Stabilität ist ein dynamischer Prozess, der vom Verlauf der Demenz selbst, dem Handeln des versorgenden Umfelds, dem Gesundheitssystem sowie gesellschaftlichen und kulturellen Prozessen geprägt ist. Quantitative Studien fokussieren überwiegend auf Risikofaktoren für Institutionalisierung, können die dahinter liegenden Prozesse aber nicht erklären. Qualitative Studien zielen häufig darauf ab, Versorgungshandeln von Angehörigen zu verstehen, benennen aber selten stabilisierende Einflüsse. Solange Angehörige sich als aktiv Gestaltende eines Versorgungsarrangements verstehen, schätzen sie die Situation eher stabil ein. Krisen, die Angehörige in eine passive/reaktive Rolle zwingen, stellen dagegen eine große Herausforderung dar. Es zeichnet sich der Trend ab, Ressourcen und positive Aspekte des Versorgens stärker zu fokussieren und Angehörige in ihrer subjektiven Einschätzung der Stabilität ernst zu nehmen.

Diskussion: Bis dato thematisieren nur wenige Studien explizit Stabilität; die meisten tragen eher implizit Erkenntnisse bei. Durch die Synthese ermöglicht die Meta-Study ein tieferes Verständnis des Konzepts, das Ansatzpunkte bietet für weiterführende Forschung und letztlich für die Konzeption passgenauer Interventionen für Familien, die in der Häuslichkeit versorgen.

12:25
Regionalisierung und Vernetzung: Stakeholder-Perspektiven auf regionale Demenzstrukturen
S29-09-02 

L. Schirra-Weirich, H. Gröber, H. Wiegelmann; Köln

Hintergrund: Eine vielversprechende Option zur Stärkung des Wohlbefindens von versorgenden Angehörigen (vA) von Menschen mit Demenz, ist die nutzerorientierte Verbesserung der Koordination und Kooperation von regional vernetzten demenzspezifischen Unterstützungsangeboten. Das Projekt INREGA-DEM (gefördert vom Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter NRW; Landesverbände der Pflegekassen) widmet sich in Kooperation mit dem DemenzNetz Aachen e.V. der Analyse der Inanspruchnahme und Nutzbarkeit und Verbesserung von Angebotsstrukturen. Stakeholder sind im Projekt involviert, da sie am besten beurteilen können, wie Angebote aufbaut sein sollten.

Forschungsfragen:

  • Welche Unterstützungsangebote gibt es, wer nutzt sie und wie werden sie bewertet?
  • Welche Nutzungsbarrieren und Versorgungslücken existieren?
  • Gibt es Versorgungsungleichheiten zwischen ländlichen und urbanen Regionen?

Methode:

  • Fokusgruppen mit Stakeholdern (Anbieter, Angehörige, Experten; n=16)
  • Online-Befragung von Anbietern (n=70)
  • Schriftliche Befragung von Angehörigen (n=250)

Ergebnisse: Erste Ergebnisse der Fokusgruppen weisen auf Folgendes hin:

  • Nicht die Demenz als solche, sondern die komplexen Herausforderungen der Koordination und Organisation (Bürokratie, fehlende Flexibilität, unabhängige Beratung) sind Gründe für subjektive Belastungserfahrungen, berichten Angehörige.
  • Aufgrund der Komplexität greifen vA eher auf private Netzwerke zurück anstatt professionelle Dienste in Anspruch zu nehmen.
  • Im ländlichen Raum fehlt es an formeller Unterstützung (Fachärzte, Pflegedienste), sodass Nachteile für die ländliche Bevölkerung entstehen, erklären Experten.
  • Es gibt wenige Anreize um nutzerspezifische Angebote bereitzustellen, berichten Anbieter.
  • Alle Gruppen schildern, dass junge Menschen mit Demenz unzureichend versorgt sind.

Diskussion: Die Ergebnisse zeigen, wie komplex und heterogen Versorgungsarrangements sind. Daher sind flexible und passende Angebote notwendig. Wissen über Prädiktoren, Barrieren und Nutzbarkeit helfen dabei, einen Beitrag zu einer passgenauen Weiterentwicklung von Angeboten zu leisten. Weitere Ergebnisse der Befragungen (2) und (3) werden zum Zeitpunkt der Veranstaltung vorhanden sein. Die Ergebnisse werden für Akteure in Form eines Manuals aufbereitet.

12:50
Bauernhöfe als Orte für Menschen mit Demenz – die Perspektive potenzieller Nutzer/innen
S29-09-03 

A. Schmidt, S. Staack, K. Wolf-Ostermann; Bremen, Norderstedt

Hintergrund: In Deutschland – wie in vielen westlichen Staaten – steigt der Anteil an älteren und hochaltrigen Menschen in der Bevölkerung, gleichzeitig ist damit auch ein Anstieg an chronischen Erkrankungen – wie z. B. Demenzen - und ein steigender Bedarf an Pflege- und Versorgungsleistungen zu beobachten. Auf der anderen Seite ändern sich auch Wünsche dieser Personengruppe an Wohn- und Versorgungsangebote und es ist ein Anstieg der Nachfrage nach alternativen Betreuungs- und Versorgungsformen zu beobachten.

Als eine alternative Betreuungs- und Versorgungsform für Menschen mit Demenz (MmD) hat sich in vergangenen Jahren international das Konzept der Green Care Farmen oder „Bauernhöfe als Orte für Menschen mit Demenz“ entwickelt. Während bspw. in den Niederlanden dieses Versorgungsangebot bereits eine stärkere Verbreitung gefunden hat und neben tagespflegerischen Angeboten auch eine 24-Stunden-Versorgung bietet, etablieren sich in Deutschland derzeit erst einzelne Angebote. Im Rahmen des Bundesprogrammes der lokalen Allianzen für MmD sind in Schleswig-Holstein dazu erste niedrigschwellige Angebote auf mehreren Bauernhöfen entstanden. Ziel der hier vorgestellten Studie ist es, Bedarfe potenzieller Nutzer/innen zu evaluieren.

Methode: Im Rahmen von Querschnittsuntersuchungen in Schleswig-Holstein (im Sommer 2017), werden mithilfe standardisierter Fragebögen zum einen MmD bzw. deren versorgende Angehörige als potenzielle Nutzer/innen des Angebots „Bauernhöfen als Orte für MmD“ hinsichtlich ihrer Erwartungen an ein solches Angebot aber auch zu Nutzungsbarrieren befragt. Zum anderen werden stationäre (n = 625) und teilstationäre Einrichtungen(n = 109) ebenso wie ambulante (n = 454) Dienste dazu befragt, ob dieses Angebot bekannt ist und welche Nutzungspotentiale für Klient(inn)en gesehen werden.

Ergebnisse: Die vorgestellten Ergebnisse geben erstmals einen Überblick über die mögliche Inanspruchnahme von Bauernhöfen als Orte für MmD in Deutschland. Eine Evaluation dieses in Deutschland noch sehr jungen Angebotes auf Potenziale und Barrieren, ermöglicht einen passgenaueren Ausbau dieses Angebotes in ländlichen Regionen und damit eine verbesserte Versorgung von MmD außerhalb von Ballungsräumen mit einer Vielzahl an spezialisierten Angeboten.

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