Freitag, 29.09.2017

12:00 - 13:30

N 017

S29-11

Distance Caregiving – nationale Distanzen und internationale Grenzen in der Unterstützung von (pflege- und hilfebedürftigen) Angehörigen

Moderation: U. Otto, Zürich/CH

Aktuell sind ca. 2.6 Mio. Menschen in Deutschland pflegebedürftig im Sinne der Pflegeversicherung – mit steigender Tendenz. Angehörige sind seit jeher maßgebliche Akteure in der häuslichen, aber auch stationären Gesundheitsversorgung. Aber Angehörige vor Ort, die sich um Pflege und Hilfe kümmern können, werden immer mehr zur knappen Ressource. Räumliche Distanzen erschweren familiäre Unterstützung. Distance Caregiving (DiCa) ist eine neue Herausforderung für die Gesellschaft, die Angehörigen und ggf. deren Arbeitgeber. In diesem Symposium zeigen empirische wie theoretische Beiträge den aktuellen Forschungsstand aus dem binationalen F+E-Projekt „DiCa: Pflege- und Hilfepotenziale über nationale Distanzen und internationale Grenzen hinweg“ (SILQUA-FH/BMBF).

Neben den Aspekten, die das DiCa Projekt abdeckt, wird in dem Symposium zusätzlich die Perspektive der Versorgungsforschung mit einzogen.

Der Beitrag „Distance-Caregiving – Was wissen wir und was (noch) nicht?“ klärt grundlegende Begriffe, dokumentiert den scientific state of the art und stellt Ergebnisse aus Sekundäranalysen einschlägiger Surveydaten (SHARE, DEAS) vor. Im Beitrag „Distance Caregiving – empirische Einblicke aus der Sicht der pflegenden Angehörigen“ werden erste Ergebnisse der qualitativen Datenanalyse, Ausmaß und Facetten vorgestellt. Der Beitrag „Distance Caregiving – empirische Einblicke aus betrieblicher Perspektive“ präsentiert Ergebnisse aus Experteninterviews mit Partnerbetrieben aus Wirtschaft und Versorgung. Der Beitrag Pflegende Angehörige und räumliche Distanz – Perspektive der Versorgungsforschung“ beleuchtet jenseits des DiCa Projektes die Sicht der Versorgungsforschung auf die Herausforderungen von Angehörigen, die über eine räumliche Entfernung für pflege- und hilfebedürftigen Angehörigen Sorge tragen. Die Beiträge zeigen die zunehmende Bedeutung, Herausforderungen und Strategien von Unterstützung auf Distanz im Zuge des demografischen Wandels und zunehmender Arbeitsmobilität. Damit tragen die Vorträge/das Symposium dazu bei, die bisherige Forschungslücke zu DiCa im deutschsprachigen Raum zu schließen und Handlungsempfehlungen für die Praxis abzuleiten.

12:00
Distance Caregiving – Was wissen wir und was (noch) nicht?
S29-11-01 

A. Franke; Ludwigsburg

Fragestellung: Im interdisziplinären Projekt „DiCa – Distance Caregiving“ werden im deutsch-schweizerischen Ländervergleich Chancen, Herausforderungen und Strategien der Unterstützung von Angehörigen aus der räumlichen Distanz heraus untersucht. In diesem Vortrag sollen konzeptionelle Begriffe und Konzepte von Distance Caregiving geklärt werden. Der Beitrag beschreibt auch den aktuellen Stand der nationalen und internationalen Forschungsliteratur und zeigt erste Ergebnisse aus Sekundäranalysen von ausgewählten Surveydaten.

Methodik: Der aktuelle nationale bzw. internationale Forschungsstand zum Thema Distance Caregiving wurde mit Hilfe einer systematischen Literaturrecherche und -analyse ermittelt. Dabei wurden für die Datenbanksuche (u.a. web of science, PsychInfo, CINAHL, Pubmed, google scholar) Schlagworte wie bspw. „Pflegende Angehörige“, „Far away“ oder „Proximity Care“ verwendet. Die Sekundäranalyse erfolgte mit Daten auf Basis des Deutschen Alterssurveys (DEAS) sowie des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE).

Ergebnisse: Die Ergebnisse der Literaturanalyse zeigen, dass das Thema der Unterstützung von Angehörigen aus der Distanz national wie international von zunehmender Bedeutung ist. Allerdings mangelt es immer noch an einschlägigen Studien im deutschsprachigen Raum – die meisten Untersuchungen liegen für die USA, in Teilen auch für Kanada, Australien und UK vor. Grund dafür mag auch die fehlende einheitliche Definition und Varianz zum traditionellen Pflegebegriff sein. Aus der Analyse der Surveydaten lässt sich entnehmen, dass eine erhöhte Mobilität zwischen den Generationen sichtbar wird. Dies gilt im Besonderen zwischen Kindern und dem männlichen Elternteil.

Schlussfolgerungen: Distance Caregiving erweist sich als ein Phänomen von zunehmender Relevanz – angesichts einer erhöhten Mobilität am Arbeitsmarkt und in den Familien. Diese zunehmende Bedeutung zeigt sich auch in einschlägigen Surveydaten. Eine vertiefende Betrachtung sowie multiperspektivische Untersuchungen im deutschsprachigen Raum stehen jedoch noch immer am Anfang.

12:20
Distance Caregiving – empirische Einblicke aus Sicht der pflegenden Angehörigen
S29-11-02 

H. Kunz, K. van Holten; Ludwigsburg, Zürich/CH

Fragestellung: Infolge von beruflicher Mobilität und gesellschaftlichem Wandel erfahren viele Menschen ihre sozialen und familiären Beziehungen über räumliche Distanzen hinweg. Was erleben sie, wenn ihre Nächsten hilfe- oder pflegebedürftig werden? Das interdisziplinäre binationale F+E Projekt „DiCa – Distance Caregiving“ setzt bei dieser Frage an und untersucht Chancen, Herausforderungen und Strategien von Unterstützung auf Distanz.

Methodik: Im Zentrum dieses Beitrags steht die Perspektive der pflegenden Angehörigen. Im Rahmen leitfadengestützter Interviews wurde u. a. untersucht, was sie aus der Distanz leisten, welche Strategien sie entwickeln und welche Rahmenbedingungen sie als hemmend oder förderlich erfahren. Weiter dokumentierten die Interviewten die für sie relevanten Unterstützungsformen mittels einer qualitativen Netzwerkkarte. Die Analyse der Interviews erfolgte zunächst mittels einer Kombination von deduktiver und induktiver inhaltsanalytischer Kodierung und wurde in einem zweiten Schritt vertieft und Kontextfaktoren mittels einer stärker theoretisch ausgerichteten Kodierung unter Verwendung von Kodierparadigmen differenziert.

Ergebnisse: Der Beitrag illustriert erste Befunde, u. a.:

  • Vielfalt der Aufgaben von Distance Caregivern
  • Diverse Strategien zur Überbrückung von Distanz
  • Vereinbarkeitskonflikte
  • Einfluss auf das Versorgungssystem, die -qualität und Kommunikationsprozesse
  • Vielfältiges Verständnis von Distanz und deren Vor-/Nachteile

Schlussfolgerungen: Distance Caregiver leisten einen wertvollen Beitrag für die Hilfe und Pflege ihrer Angehörigen. Dabei können Arbeitgeber die vielfältigen Herausforderungen der Distance Caregiver in verschiedenen Formen unterstützen. Auch im professionellen Pflegesetting spielen Distance Caregiver eine Rolle, die es in die Kooperation mit und Koordination von allen Beteiligten zu integrieren gilt.

12:40
Distance Caregiving – empirische Einblicke aus betrieblicher Perspektive
S29-11-03 

B. Kramer; Ludwigsburg

Fragestellung: Das interdisziplinäre binationale F+E Projekt „DiCa – Distance Caregiving“ untersucht Chancen, Herausforderungen und Strategien von Unterstützung in der Pflege auf räumliche Distanz aus verschiedenen Blickwinkeln. Einer dieser Blickwinkel ist die Sicht von Unternehmen. Denn auch für die Betriebe stellt sich die Frage, inwieweit ihr Portfolio als Arbeitgeber zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf ausreicht, wenn pflegende Mitarbeitende ihre Sorgeaufgaben auf Distanz wahrnehmen müssen. 

Methodik: In fünf Partnerbetrieben (drei Wirtschaftsunternehmen, zwei Träger aus der Gesundheitsversorgung) wurden jeweils N=4-6 leitfadengestützte Experteninterviews durchgeführt. Dabei wurden die Interviewpartner soweit möglich aus dem HR-Bereich, der Geschäftsführung, aus der Führungsebene (mit Personalverantwortung) und dem Betriebsrat bzw. der Mitarbeiter*innenvertretung rekrutiert. In den beiden Betrieben aus der Gesundheitsversorgung wurden zusätzlich Pflegedienstleitungen interviewt, da auch immer mehr Angehörige von Heimbewohner*innen ihre Verantwortung und Sorge aus räumlicher Distanz wahrnehmen und auch hier Herausforderungen vermutet werden, wenn Angehörige nicht regelmäßig vor Ort sein können. Die Interviews wurden anschließend mittels deduktiver und induktiver Kategorienbildung qualitativ ausgewertet.

Ergebnisse: Der Beitrag stellt die Ergebnisse aus der qualitativen Inhaltsanalyse der Experteninterviews vor und fokussiert dabei folgende Themen:

  • Haben Unternehmen die Herausforderungen von Distance Caregiving bereits im Blick?
  • In welchen Bereichen besteht Sensibilisierungs- und Informationsbedarf?
  • Welche Rolle spielen Führungskräfte und der HR Bereich?
  • Welche Zukunftsvisionen und Wünsche werden geäußert?

Schlussfolgerungen: Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sehen sich auch Unternehmen einer steigenden Zahl pflegender Mitarbeitender gegenüber. Auf Grund gestiegener Arbeitsmobilität und sich wandelnder Familienstrukturen müssen immer mehr pflegende Mitarbeitende Sorge und Pflege über eine räumliche Distanz leisten. Hier brauchen sowohl Unternehmen als auch pflegende Mitarbeitende Handreichungen und Handlungsempfehlungen, wie beide Seiten diesen Herausforderungen begegnen können.

13:00
Pflegende Angehörige und räumliche Distanz – Perspektive der Versorgungsforschung
S29-11-04 

S. Klott, C. Kricheldorff, E.-M. Bitzer; Freiburg

Fragestellung: Der Beitrag zum Promotionsprojekt "Pflegende Angehörige und räumliche Distanz - Versorgungsstrukturen: Lücken, Bedarfe und Entwicklungsmöglichkeiten" richtet den Blick der Versorgungsforschung auf diese deutlich wachsende und v.a. in diesem Kontext kaum wahrgenommene Zielgruppe der Angehörigen, die die bei räumlicher Entfernung für ihre hilfe- und pflegebedürftigen Angehörigen Sorge tragen. Dabei steht die Frage im Vordergrund, wie im Sinne von "Collaborative Care" die Versorgungssituation dieser Familien optimiert werden kann: Wie kann eine multiprofessionelle, sektoren-übergreifende Zusammenarbeit (auch im Sinne eines Hilfe- und Pflegemixes) gelingen, wie können bestehende Angebote optimiert und um den Faktor "Distanz" ergänzt und welche zukunftsfähigen interdisziplinären Versorgungskonzepte können entwickelt werden?

Methodik:  Ausgangspunkt des vorzustellenden Vorhabens ist die spezifische Nutzer- und Patientenperspektive entfernt lebender pflegender Familien, sind die von ihnen erlebten Herausforderungen, Bedarfe, Strategien und Lösungsmöglichkeiten. Ein qualitativ-explorativer Forschungsansatz in Form von leitfadengestützten Interviews ermöglicht es zunächst, ausgehend von der spezifischen Nutzer- und Patientenperspektive, zu untersuchen, welche besonderen Herausforderungen und Bedarfe vorliegen und welche Versorgungslücken offensichtlich werden. Trianguliert werden diese Ergebnisse mit der Perspektive von Experten im Versorgungssystem (teilstandardisierte Telefoninterviews, Fokusgruppen).

Ergebnisse: Der Beitrag beschreibt die theoretischen und methodischen Hintergründe des Projekts, fokussiert erste Ergebnisse aus Literaturanalyse und Interviews insbesondere mit Fokus auf Kommunikation, Koordination und Kollaboration und skizziert Entwicklungslinien.

Schlussfolgerungen: Im Kontext des demografischen Wandels steigt die Zahl älterer und pflegebedürftiger Menschen. Ihre Versorgung wird ohne die Stabilisierung der zentralen Stütze „pflegender Angehöriger“ nicht zu gewährleistet sein, wobei sich mit zunehmender räumlicher Entfernung neue, bislang unbeantwortete, Herausforderungen ergeben.   

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