Freitag, 29.09.2017

09:30 - 11:00

N 018

S29-03

Geragogische Perspektiven auf die Gestaltung zukunftsfähiger Gemeinschaften im kommunalen Raum

Moderation: A. Best, Karlsruhe; V. Leve, Düsseldorf; V. Schickle, Offenburg

Ein selbstbestimmtes Leben im Alter ist wesentlich von ermöglichenden Strukturen und Rahmenbedingungen in der Kommune und der sozialen Gemeinschaft geprägt. Sozioökonomische Ungleichheiten beeinflussen dabei die Handlungsspielräume, Teilhabechancen und Möglichkeiten zur Partizipation.

Zur Verbesserung der Lebenssituation der älteren Generation und des Zusammenlebens wird auch im siebten Altenbericht die Notwendigkeit eines Zusammenspiels und Netzwerks von Menschen in verschiedenen professionellen wie privaten Rollen betont. Ort der Verwirklichung ist die Kommune, die dabei in ihrem sozialpolitischen Handeln und ihrer Steuerungsfunktion mit einer stärker demokratisch-partizipativen Ausrichtung als New Public Governance im Fokus steht.

Im Sozialraum und Quartier als je kleinerer Einheit wirken Akteure aus professionellen Kontexten zusammen mit Familien und Nachbarschaften sowie „mitverantwortlichen“ Bürgerinnen und Bürgern. Quartiers- oder Gemeinwesenarbeit verstanden als community education zielt auf die Mitgestaltung des Gemeinwesens durch bürgerschaftliches Engagement, bei dem sowohl demokratische Partizipationsprozesse und Selbstbestimmungspotenziale als auch die Aktivierung von (Selbst-)Hilfe- und von Unterstützungspotenzialen angesprochen werden.

Mit seinen Beiträgen beleuchtet das Symposium Strukturen, Handlungsfelder und geragogische Perspektiven im Zusammenspiel der unterschiedlichen Akteure in der Kommune und im Gemeinwesen. Die Beiträge diskutieren aus theoretischer und aus anwendungsorientierter Sicht die Beschaffenheit von Strukturen und Angeboten im kommunalen Raum sowie förderliche und hinderliche Bedingungen vor dem Hintergrund der Heterogenität des Alters sowie bestehender Ungleichheiten.

Die Beiträge im Rahmen des Symposiums des AK Geragogik befassen sich mit

  • integrierter Sozialplanung als Innovation für die Versorgung im Alter,
  • intergenerationeller Gestaltung von community education,
  • der strukturellen Einbindung neuer Formate bürgerschaftlichen Engagements und
  • Beispielen guter Praxis für die Gestaltung von Beteiligungsprozessen im Quartier.
09:30
Integrierte Sozialplanung als Innovation für die Versorgung im Alter
S29-03-01 

H. Spieckermann; Köln

In der kommunalen Daseinsvorsorge gibt die „Altenhilfeplanung“ (als operative Fachplanung) im Rahmen der örtlichen Sozialplanung (als strategische Planung sozialer Belange) für die Seniorenarbeit und Altenhilfe traditionell Impulse zur Aktivierung, Unterstützung und Versorgung älterer Menschen. Da sich die Bedürfnisse in der Generationenabfolge sukzessiv verändern, besteht die Aufgabe der Altenhilfeplanung darin, die soziale Unterstützungsinfrastruktur generationenspezifisch weiterzuentwickeln. Dabei sind auch die Konzepte und Modelle der Sozialplanung selbst fortzuschreiben.

Es wird das neue Modell einer integrierten Sozialplanung für die Versorgung im Alter entwickelt. Das Modell beinhaltet eine dreifache Integrationsstrategie: (1) Die verschiedenen Ressort- und Fachbereichsperspektiven – von sozialer Hilfe über Gesundheit, Kultur und Bildung bis hin zu Wohnen und Gestaltung des Stadtquartiers – werden aufeinander bezogen. (2) Die verschiedenen Bedarfsgruppen im kommunalen Raum werden inklusiv in einer „Planung für alle“ generationenübergreifend zusammengeführt. (3) Die integrierte Sozialplanung bezieht alle kommunalen Managementebenen mit ein.

Verbunden ist damit ein Rollenwechsel vom Verständnis der sozialen Planung im Rahmen des New Public Management hin zu einer Planung im Rahmen einer New Public Governance. Das Forschungsprojekt ISPInoVA entwickelt dabei ein Modell für eine dreifache Integrationsstrategie.

Zuerst werden der Status-Quo der Sozialplanung und gute Beispiele innovativer Ansätze in der Altenhilfeplanung ermittelt. Auf dieser Grundlage werden Workshops durchgeführt, um das anwendungsorientierte Modell abzuleiten bzw. zu entwickeln. Es wird auf die Anwendung zugeschnitten und in laufenden Vorhaben der örtlichen Altenhilfeplanung in den beiden Städten zwei Städte Bielefeld und Viersen aus Nordrhein-Westfalen erprobt und evaluiert.

09:50
Gestaltung einer zukunftsfähigen Gemeinschaft im Quartier durch eine gemeinsame Perspektive von Jung und Alt: Ergebnisse des Entwicklungsprojektes „gemeinsam“
S29-03-02 

R. Schramek, K. Sobiech; Hagen, Dortmund

In der modernen, digitalen Gesellschaft verändern sich die Strukturen des Miteinanders und der Begegnung gerade in Quartieren am Stadtrand, in denen die Infrastruktur wegbricht und der Altenquotient steigt. Solche Quartiere weisen einen besonders hohen Anteil alleinlebender Senioren im vierten Lebensalter auf. Ein selbstbestimmtes Leben in der eigenen Häuslichkeit ist im Alter jedoch neben ermöglichenden Rahmen­bedingungen und Strukturen im Quartier auch von den sozialen Kontakten und der sozialen Gemeinschaft geprägt. Der natürliche, persönliche Austausch, die Qualität und Quantität der Begegnungen zwischen den Bewohnern einer Generation wie auch zwischen den Generationen ändern sich unverkennbar.

Das Entwicklungsprojekt „gemeinsam“, gefördert von der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW, will die Lebenssituation der alten Generation und des Zusammenlebens im Quartier verbessern. Die modellhafte Entwicklung und Implementierung neuer innovativer Konzepte wie die „IntervieWerktstatt“ und die „Planbar“ setzen auf die Entwicklung neuer Netzwerke im Quartier wie auch auf das Zusammenspiel von Jung und Alt. Dabei erleben sich die Bewohner im Quartier in verschiedenen, teils neu erlernten Rollen. Neben den empirisch generierten Erkenntnissen im Rahmen des Projektes stellt der Beitrag dar, wie die Überwindung diverser Barrieren und Hemmnisse im Entwicklungsprojekt gelingen konnte, welche Grenzen bestehen und welche Ergebnisse umgesetzt werden konnten. Die im Rahmen der qualitativen Erhebung gewonnenen empirisch erhobenen Daten, sichern die Schlussfolgerungen und Ergebnisberichte ab. Schließlich werden die intergenerationellen und gemein­wesen­orientierten Lernsettings im Quartier und ihre Gestaltung im Rahmen des anwendungs­orientierten Beitrages kritisch betrachtet.

Abschließend soll der Beitrag in die Fragestellung münden, wie Community Education intergenerationell gestaltet werden kann, vor allem wenn die jeweils dringlichen Fragen der verschiedenen Generationen (Suchbewegungen bei jungen Menschen und Fragen zur Sicherung und Alltagsgestaltung im hohen Alter) je zu gleichen Teilen Beachtung finden sollen und wo die Grenzen solch partizipativ gestalteter intergenerationeller Lernprozesse liegen.

10:10
Möglichkeiten einer strukturellen Einbindung neuer Formate Bürgerschaftlichen Engagements am Beispiel QuartiersNETZ
S29-03-03 

E. Bubolz-Lutz, E. Heite; Düsseldorf, Gelsenkirchen

Bürgerschaftliches Engagement rückt seit geraumer Zeit in den Fokus der Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt wird insbesondere durch ein größeres Engagement älterer Bürger*innen erwartet, Antworten auf die Herausforderungen sozialen und demografischen Wandels zu finden. Auch im Forschungs- und Entwicklungsprojekt QuartiersNETZ ist die Partizipation Älterer intendiert: Ältere werden als (Ko-)Produzenten von Quartiersnetzwerken verstanden. Sie sind zudem Mitentwickler*innen digitaler Quartiers-Plattformen und technischer Interaktionsmedien, um diese nutzerfreundlich und passgenau zu konzipieren. Praxispartnerin im Projekt ist ein als Verein organisiertes Akteursnetzwerk (Stadtverwaltung, Wohlfahrtsverbände, Kirchen und Religionsgemeinschaften, Pflegeunternehmen, Krankenhäuser, Wohnungsbaugesellschaften, zivilgesellschaftlich Engagierte), welchem die Aufgabenfelder Beratung, Sozialraumgestaltung, Netzwerkmanagement und Engagementförderung im Feld der kommunalen Altenhilfe obliegen.

Temporäres wie längerfristiges Engagement in Quartiersentwicklungsprozessen wie jenes in dezidierten und neu entwickelten Engagementformaten erhält durch dieses Konstrukt eine strukturelle Einbindung in eine Gesamtstrategie Sozialer Altenarbeit. Chancen und Risiken, die hiermit verbunden sind, werden im Beitrag skizziert und Diskussionslinien aufgezeigt. Ebenso wird die Entwicklung der konkreten Engagementkonzepte, die sich am Bedarf Älterer und an den Ressourcen der Engagierten ausrichten, in ihrer Prozesshaftigkeit und mit ihrer spezifischen geragogischen Perspektive dargelegt. Damit wird zugleich ein geragogisches Handlungsfeld im kommunalen Raum markiert. Erkenntnisse über die Beschaffenheit von Angebotenund Hinweise für eine professionelle geragogische Tätigkeit lassen sich zudem ableiten. Eine konzeptionelle Ausweitung über das Bürgerschaftliche Engagement hinaus eröffnet im Bereich der Technikbegleitung die Möglichkeit insbesondere solche Personengruppen Älterer zu erreichen, die immobil sind und durch Komm-Strukturen von Quartiersentwicklungsprozessen nicht erreicht werden. Insbesondere sie können von passgenauen technischen Lösungen profitieren, sofern sie an den Informationsfluss angeschlossen werden und beim Umgang mit Interaktionsmöglichkeiten Unterstützung erfahren.

10:30
Gelingendes Altern in Sozialraum und Quartier – Erfolgsfaktoren, Chancen und Lernerfahrungen aus geragogischer Perspektive: Ein Handlungsfeld der Sozialen Arbeit
S29-03-04 

S. Klott, T. Ulfers, C. Kricheldorff; Freiburg

Fragestellung: Was sind „Beispiele guter Praxis“ für die geragogische Gestaltung von Beteiligungsprozessen im Quartier?

Methodik: Der Beitrag stützt sich auf Erkenntnisse der Modellprojekte „VEGA“ und „Pflegemix in Lokalen Verantwortungsgemeinschaften“ sowie des sich daran anknüpfenden Projektes „DEKOS – demografiebezogene Koordination im Sozialraum“. Er fokussiert die in den Prozessen evaluierten Ergebnisse. Über eine theoretisch-methodische Grundlegung werden Beiträge von und Handlungsaufträge für Soziale Arbeit und Geragogik aufgezeigt, wenn es gilt, zukunftsfähige sorgende Gemeinschaften partizipativ zu entwickeln. 

Ergebnisse: Theoretische und didaktische Ansätze zur Bildungsarbeit mit älteren Menschen haben im Sinne der Ermöglichung von Integration und Teilhabe, aber auch im Kontext von Forschungs- und Entwicklungsprojekten, eine wachsende Bedeutung. Kommunen und Institutionen stehen vor der Aufgabe, angesichts demografischer Veränderungen kleinräumig, dezentral, sektorenübergreifend und vernetzend zu agieren und dabei (nicht nur) ältere BürgerInnen frühzeitig an diesen Entwicklungsprozessen zu beteiligen. Im Kern sind solche Entwicklungs- und Gestaltungsprozesse immer auch Lernschritte für alle Beteiligten. Moderierte, professionell gesteuerte Beteiligungsprozesse vor Ort sowie die Mischung von Aktionsformen, die konsequent zugehend, beteiligungsorientiert, lebensweltnah und in der Nachbarschaft verankert sind, sind bewährte Ansätze für einen kulturellen Wandel im Quartier. Werden (ältere) BürgerInnen als Experten in eigener Sache wertgeschätzt, ihre Fragestellungen, Bedürfnisse und Anliegen ernst genommen und ihre Kompetenzen aufgegriffen, so erschließen sich Chancen, mit partizipativen Ansätzen auch Menschen zu erreichen, die in ihrer Biografie bislang wenig Nähe zu typischen Bildungsinstitutionen und -formen zeigten.

Schlussfolgerungen: Lernbereitschaft und Bildungsoffenheit werden in Zukunft auch im Alter basale Voraussetzungen für die Orientierung in einer sich rasch verändernden Welt und für Soziale Teilhabe sein. Altersbildung hat hier u. a. die Aufgabe, auch wenig bildungsgewohnte ältere Menschen zu erreichen, sie zu beteiligen und ihnen damit entsprechende Räume für Partizipation zu eröffnen. Methoden der Sozialen Arbeit sind dabei hilfreich.

Diskutant: H. Rüßler, Dortmund

Zurück