Donnerstag, 28.09.2017

15:30 - 17:00

N 206

S28-11

Heterogene Solidarität(en) im Alter

Moderation: L. Naegele, Vechta

Die demografische Alterung der Bevölkerung führt nicht nur zu einem immer größeren Anteil an Älteren, sondern auch zu einer Pluralisierung von Lebenssituationen, Lebensformen und Altersbildern. Während das Mantra des aktiven Alterns mit den „Silver Workern“, „Active Agern“ und „Rentnern im Unruhestand“ zunehmend positive Assoziationen mit dem Alter propagiert, stellt sich die Frage, inwieweit sich diese gewandelten Altersbilder auch im gesellschaftlichen und solidarischen Miteinander wiederfinden lassen. Wird die gesamte „Vielfalt des Alters“ als Teil einer zunehmend „bunteren“ Gesellschaft wahrgenommen oder ist dieser solidarische Schulterschluss nur einigen wenigen Gruppen Älterer vorbehalten?

Das Symposium „Heterogene Solidarität(en) im Alter“ möchte sich diesem Wechselspiel zwischen Heterogenität und Solidarität annehmen und von verschiedenen Perspektiven beleuchten. Dabei soll zum einen die Bedeutung des Konzeptes der Solidarität in alternden Gesellschaften diskutiert werden, zum anderen der Fokus auf einige weniger wahrgenommene Gruppen älterer Menschen gerichtet werden, um hier die Frage nach den Facetten bzw. den Grenzen von Solidarität zu erörtern.

Zu Beginn diskutiert Katja Rackow in ihrem Beitrag die unterschiedlichen Bedeutungen von Solidarität im Kontext alternder Gesellschaften, wobei insbesondere die Frage der Reichweite von solidarischen Einstellungen und Handlungen im Mittelpunkt steht. Theresa Grüner wirft in ihrem Vortrag einen Blick auf die spezielle Gruppe der älteren Straftäter*innen. Im Fokus des Beitrages steht dabei die Herausarbeitung zukünftiger Forschungsbedarfe in Bezug auf den gesellschaftlichen und in Frage stehenden solidarischen Umgang mit dieser stärker in Erscheinung tretenden Personengruppe. Laura Naegele befasst sich im dritten Beitrag mit (Alters-)Diskriminierungsprozessen bei der Wiedereingliederung von älteren Erwerbslosen in den Arbeitsmarkt. In den Blickpunkt genommen wird dabei insbesondere die Frage nach den Grenzen von Solidarität im Umgang mit dieser Personengruppe. Marvin Blum richtet den Fokus im letzten Beitrag auf die Gruppe der (Spät-)Aussiedler*innen im Oldenburger Münsterland und präsentiert hier Forschungsergebnisse zu Facetten intergenerationaler Solidarität im Kontext alternder Gesellschaften.

15:30
Solidarität in alternden Gesellschaften
S28-11-01 

K. Rackow; Vechta

Solidarität ist ein fester Bestandteil in politischen und öffentlichen Diskussionen um Gesellschaft und Gemeinschaft und wird häufig als Erklärungsfaktor in unterschiedlichen Zusammenhängen herangezogen. Theoretische Konzepte, Erklärungen und Beschreibungen von Solidarität sind jedoch vielfältig und basieren auf unterschiedlichen Dimensionen. Eine Gemeinsamkeit der meisten Konzeptionen besteht in der Annahme, Solidarität meine in erster Linie die Unterstützung von Personen und/oder konkrete Hilfeleistungen. Zusätzlich dazu verweisen einige Autorinnen und Autoren auf solidarische Werthaltungen als normative und verinnerlichte Richtlinien. Parallel zu diesen inhaltlichen Unterschieden besteht insbesondere im Hinblick auf die Reichweite von Solidarität Unklarheit. Kann man von einer generellen, die Allgemeinheit betreffenden Solidarität sprechen? Oder beziehen sich solidarische Verhaltensweisen und Einstellungen grundsätzlich nur auf bestimmte Personenkreise, etwa innerhalb einer spezifischen Region, gegenüber Gleichgesinnten oder Gleichaltrigen? Und können dann auch bestimmte Gruppierungen ausgemacht werden, die von Solidarität ausgeschlossen sind?

Angesichts sich wandelnder Gesellschaften – insbesondere im Hinblick auf demographische Veränderungen und deren öffentliche Wahrnehmung – und der stetig wiederkehrenden Einforderung von Solidarität auf unterschiedlichen Ebenen bei einer gleichzeitig erfolgenden Etablierung immer neuer Feindbilder scheint es angebracht, das Konzept der Solidarität genauer zu beleuchten und wesentliche Bedeutungsebenen zu analysieren. Der Beitrag versucht daher, die unterschiedlichen soziologischen Konzeptionen von Solidarität zu systematisieren und zentrale Dimensionen herauszuarbeiten. Dabei liegt der Fokus nicht nur auf der Solidarität zwischen den Generationen, sondern es wird die Frage diskutiert, inwieweit ältere Menschen prinzipiell und über familiäre Grenzen hinaus von solidarischen Gemeinschaften profitieren bzw. davon ausgeschlossen sind.

15:48
Eine Untersuchung zur „Solidarisierung“ mit älteren Straftäter*innen
S28-11-02 

T. Grüner; München

In einer Gesellschaft des langen Lebens führen die steigende Zahl älterer Menschen und die Ausdifferenzierung der Lebensformen zu einer großen Heterogenität unter älteren Menschen. Dabei wird in der öffentlichen Diskussion verstärkt das prosoziale Verhalten der Älteren in den Vordergrund gestellt wie die Übernahme gesellschaftlicher Aufgaben im Rahmen ehrenamtlichen Engagements. Dagegen finden sich kaum Berichte über eine Zunahme abweichenden Verhaltens innerhalb der Altersgruppe 60plus. Die Medien greifen lediglich sehr spektakuläre Einzelfälle auf wie etwa die Bankraubserie der sog. Opa-Bande (Lehnen, 2005). Delinquentes Verhalten älterer Menschen wird dann als kuriose Ausnahmeerscheinung dargestellt. Diese Kuriosität ergibt sich durch den subjektiven Widerspruch zum vorherrschenden Altersbild in der Bevölkerung. Aus Untersuchungen zu kriminalitätsbezogenen Einstellungen ist bekannt, dass täterbezogene Merkmale wie bspw. das Alter wichtige Einflussfaktoren sind. Gleichwohl sind bisher das hohe Alter und alterskriminalitätstypische Tatumstände in der Forschung nur unzureichend berücksichtigt worden. Die vereinzelten Studien der 1980er, 1990er und 2000er Jahre kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen – tendenziell wird kriminellem Verhalten älterer jedoch ebenso wie bei sehr jungen Menschen strafmildernd begegnet. Welche Begründungsfigur steckt dahinter? Zeigt sich hier eine Solidarität gegenüber straffällig gewordenen älteren Menschen, in der einmal mehr der „Reflex des Parteiergreifens“ (Göckenjan, 2000, S. 14) zum Tragen kommt? Zeigt sich das solidarische Verhalten differentiell, abhängig von der Schwere der Schuld, wenn die Kategorie „Alter“ trotz der Kategorie „kriminell“ noch an die Fürsorgepflicht für alte Menschen appelliert oder abhängig von befragten Altersgruppen, wenn abweichendes Verhalten von Mitgliedern der Eigengruppe zu Distanzierung führt? Der Beitrag wird die empirische Datenlage aufarbeiten und auf zukünftige Forschungsbedarfe eingehen. Daran anschließend wird ein Untersuchungsprogramm vorgestellt, in dem die Frage im Mittelpunkt steht, ob und wann „Alter“ als semantische Ressource relevant wird, wenn es um die Beurteilung kriminellen Handelns älterer Menschen geht. Literatur: Göckenjan, G. (2000). Das Alter würdigen. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Lehnen, C. (2005, 6. Juni). "Opa-Bande". Die Methusalem-Komplizen. FAZ.NET. Verfügbar unter http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/opa-bande-die-methusalem-komplizen-1227918.html

16:06
Grenzen von Solidarität? - „Ageism“ im Wiedereingliederungsprozess älterer Erwerbsloser in den Arbeitsmarkt
S28-11-03 

L. Naegele, M. Hess, W. de Tavernier; Vechta, Dortmund, Aalborg/DK

Die Wiedereingliederung älterer Erwerbsloser in den Arbeitsmarkt rückt vor dem Hintergrund eines schrumpfenden Erwerbspersonenpotentials und des viel diskutierten Fachkräftemangels in Deutschland zunehmend in den Fokus der Diskussion. Sei es aus Sicht der Politik, die im Heben dieser „stille Reserve“ Chancen für die Entlastungen der sozialen Sicherungssysteme sieht oder seitens der Betriebe die, konträr zum lange Zeit gültigen „Defizitmodell des Alterns“, zunehmend auch die Potentiale älterer Mitarbeiter*innen in den Blick nehmen. Während die Erwerbstätigenquoten älterer Arbeitnehmer*innen in den letzten Jahren zwar europaweit angestiegen sind, bleibt es nach wie vor problematisch für Ältere im Falle eines Arbeitsplatzverlustes den Weg zurück in den Arbeitsmarkt zu finden. Dies gilt insbesondere für die Gruppe der Langzeiterwerbslosen, die kaum vom allgemeinen Beschäftigungsaufschwung profitieren und insbesondere in Deutschland im EU-Vergleich im Durchschnitt älter und länger erwerbslos sind. Finden sich im Wiedereingliederungsprozess Erwerbsloser strukturelle altersbezogene Barrieren, so hindern diese Barrieren Personen nicht nur aktiv auf dem Weg zurück in den Arbeitsmarkt, sondern weisen implizit auf Grenzen solidarischen Verhaltens hin. Begreift man Solidarität beispielsweise als die Verpflichtung der Gemeinschaft gegenüber ihren Mitgliedern, lässt sich „Altersdiskriminierung“ bzw. „Ageism“ im Wiedereingliederungsprozess als aktive Ausgrenzungspraktik interpretierten und liefert damit Hinweise auf die Existenz gruppenbezogener Solidarität(en). Der Beitrag stellt im Folgenden einen analytischen Rahmen zur systematischen Erfassung von „Ageism“ im Wiedereingliederungsprozess älterer Erwerbsloser in den Arbeitsmarkt zur Diskussion. Propagiert wird dabei ein Fünf-Phasen-Prozessmodell („Pre-Unemployment“, „Activation“, „Integration“, „Re-Employment“ und „Stabilization“) mit vier unterschiedlichen Akteursebenen („Individual“, „Companies/Employers“, „Intermediate Organizations“ sowie „Policy Sphere“). Während der Wiedereingliederungsprozess an sich als altersunabhängig zu sehen ist (jüngerer Erwerbslose durchlaufen ähnliche Phasen), gehen die Autoren im Weiteren davon aus, dass sich altersdiskriminierende Praktiken insbesondere in der Interaktion zwischen den Akteuren finden lassen.

16:24
Intergenerationale Solidarität in (Spät-)Aussiedlerfamilien
S28-11-04 

M. Blum, C. Vogel; Vechta, Berlin

Seit dem Jahr 1950 sind etwa 4,5 Millionen (Spät-)Aussiedler/innen nach Deutschland zugewandert. Die Mehrheit – etwa 2,5 Millionen Menschen – wanderte nach 1990 zu. Verglichen mit anderen großen Zuwanderungsgruppen – etwa den im Zuge der Arbeitsmigration zugewanderten Personen aus der Türkei und Südeuropa, oder den geflüchteten Menschen, die seit 2015 in bzw. durch den europäischen Raum wandern – hatten viele (Spät-)Aussiedler/innen bereits ein höheres Lebensalter erreicht, als sie nach Deutschland eingewandert sind. Die meisten (Spät-)Aussiedler/innen haben im Rahmen des Bundesvertriebenengesetztes die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten (BVFG) und ihre finanzielle Absicherung im Alter ist durch die Eingliederung in die gesetzliche Rentenversicherung mit den entsprechenden Fremdrentenregelungen gewährleistet (FRG). Diese Regelungen lassen die (Spät-)Aussiedler/innen verglichen mit anderen Migrantengruppen oftmals sogar privilegiert erscheinen. Nichtsdestotrotz bestanden im Zuwanderungsprozess verschiedene Schwierigkeiten, etwa die notwendigen und später auch durch Sprachtests überprüften Deutschkenntnisse sowie die mangelnde Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse und Berufserfahrungen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Migrationserfahrungen und damit verbundene Herausforderungen – wie wegfallende soziale Netzwerke – werden oftmals durch die  Intensivierung von innerfamiliären Generationenbeziehungen kompensiert. Aussiedlerfamilien wird daher oft ein enger Familienzusammenhalt und große Unterstützungsbereitschaft zugeschrieben, was wiederum Unterstützungspotentiale im Alter erhoffen lässt. In den amtlichen Statistiken war es allerdings lange Zeit nicht möglich Informationen über (Spät-)Aussiedler/innen mit deutscher Staatsbürgerschaft zu identifizieren, da sie dort eben als Deutsche registriert wurden. Dieser Vortrag bezieht sich daher auf eine schriftlich-postalische Befragung der Universität Vechta, welche auf der Basis von Einwohnermeldeamtsdaten in Niedersachsen durchgeführt wurde.

Das zentrale Anliegen dieses Beitrages ist es, verschiedene Dimensionen der intergenerationalen Solidarität innerhalb dieser speziellen Personengruppe zu untersuchen und altersspezifische Unterstützungspotentiale herauszuarbeiten. Die intergenerationale Solidarität soll dabei vornehmlich anhand von Hilfe und Austauschprozessen illustriert werden, welche zwischen den Generationen stattfinden.

16:42
Spuren gesellschaftlicher Alter(n)sideale in Narrationen älterer Paare über das subjektive Erleben des Alter(n)s
S28-11-05 

J. Piel, B.-P. Robra; Magdeburg

Hintergrund/Ziel: Für ältere Paare stiften gesellschaftliche Idealbilder des autonomen, gesunden Alter(n)s Orientierung in ihrer Lebensgestaltung. Zeitgleich kollidieren diese mit dem subjektiven Erleben von zunehmenden, altersbedingten Einschränkungen. Es wird beleuchtet, welche Spuren Alter(n)sideale in Erzählungen älterer Paare hinterlassen und wie sich das Verfehlen ihrer Umsetzung auf die einzelnen und die Beziehungsqualität in der Partnerschaft auswirkt.

Methode: Es wurden 10 narrativ-biografische Einzel- und Paarinterviews mit Frauen und Männern ab 65 Jahren, die in einer Paarbeziehung leben, mit dem Grounded Theory-Ansatz durchgeführt und ausgewertet.

Ergebnisse: In Narrationen älterer Paare spiegelt sich der Umgang mit Widersprüchen zwischen gesellschaftlichen Alter(n)sidealen und dem subjektiven Erleben des Alter(n)s wider.

Ältere Paare erzählen darüber, wie sie diese Diskrepanz mit individuellen Verdrängungs-, Kompensations- und Kontrolltechniken für sich bewältigen. Dabei fällt auf, dass Paare, die sich verstärkt mit Merkmalen idealisierter Alter(n)sbilder identifizieren, ihr Verfehlen als persönlichen Misserfolg schildern und von der*m Partner*in ebenfalls als solcher eingeschätzt wird.

Die negative Bewertung altersbedingter Einschränkungen kann die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben und die Wahrnehmung von Autonomie beeinträchtigen und die Beziehungsqualität des Paares tangieren. 

Schlussfolgerung: Die Bedeutsamkeit von Alter(n)sidealen wird in Narrationen über das subjektive Alter(n) in einer Paarbeziehung sichtbar. Das Verfehlen ihrer normativen Vorgaben kann anhand von Bewältigungsmustern mit Ausblick auf das Wohlbefinden  bei beiden Partner*innen rekonstruiert werden. Da ältere Paare, die sich stark auf idealisierte Alter(n)sbilder beziehen, altersbedingte Einschränkungen als besonders belastend erleben, ist es wichtig, Alter(n)skonzepte zu reflektieren und älteren Paaren soziale und kulturelle Entfaltungs- und Unterstützungsmöglichkeiten bereitzuhalten, um ältere Paare bei der Individualisierung ihrer Alternskonzepte zu fördern zu fördern.

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