Donnerstag, 28.09.2017

13:30 - 15:00

N 018

S28-03

Hochaltrigkeit und digitale Medien­nutzung

Moderation: P. Enste, Gelsenkirchen; M. Doh, Heidelberg

Digitale Medien bieten gute Chancen und Möglichkeiten, ältere Menschen bei der Gestaltung eines selbstbestimmten Lebens zu unterstützen. Das Internet kann die Kommunikation mit Angehörigen und Freunden fördern oder als zentrales Informationsmedium für verschiedenste Themenbereiche dienen. Da in vielen Lebensbereichen wichtige Angebote eine Internetnutzung voraussetzen, droht gleichzeitig eine gesellschaftliche Teil-Exklusion für Personen, die nicht mit dem Medium vertraut sind. In den letzten Jahren ist ein deutlicher Anstieg der Internetnutzung von älteren Menschen zu erkennen. Dieser lässt sich allerdings größtenteils durch den Anstieg der Internetnutzung von "jüngeren Alten" erklären.  Hochaltrige Menschen nutzen digitale Medien bislang immer noch eher selten: In der Gruppe der Personen 80+ nutzen 7% bislang das Internet regelmäßig, hingegen sind 90% der Gruppe niemals online. Bei genauer Betrachtung des Nutzerverhaltens spiegelt sich die Heterogenität des Alters wider: Es gibt nicht den typischen Nutzer oder Nichtnutzer und auch die Gründe, sich für oder gegen eine Nutzung zu entscheiden sind sehr differenziert.

Dieses Symposium betrachtet die digitale Mediennutzung von Hochaltrigen aus verschiedenen Blickwinkeln. Es werden sowohl quantitative Befunde zum Nutzerungsverhalten der Hochaltrigen in verschiedenen Wohnformen als auch qualitative Ergebnisse zur Nichtnutzung vorgestellt und diskutiert.

Stefan Kamin beschäftigt sich in seinem Vortrag mit den motivationalen Bedingungen der Techniknutzung im Alter und klärt auf der Grundlage empirischer Befunde darüber auf, weshalb „das Alter“ nicht als kausal wirkender Erklärungsansatz für die Nutzung oder Nicht-Nutzung von Technik herangezogen werden sollte.

Michael Doh gibt in seinem Vortrag einen Überblick zum Umgang mit digitalen Medien anhand einer Repräsentativbefragung zu über 80-jährigen Personen aus Stuttgart.

Das Projekt „ICT@ageCARE“ (Seifert/Doh) beschäftigt sich mit der Internetnutzung von älteren Personen welche in Alterspflegezentren in Zürich (Schweiz) wohnhaft sind und zeigt nicht nur erstmalig die Internet-Diffusion in diesem Pflegekontext auf, sondern beschreibt auch Zusammenhänge zum subjektiven Autonomiegefühl. 

Das Projekt KOMPETENT (P. Enste) thematisiert vor allem die Nichtnutzung von digitalen Technologien und zeigt Entwicklungseinflüsse auf, die die Technikakzeptanz in der Lebensspanne beeinflussen.

13:30
Digitalisierung im hohen Alter – Ergebnisse aus der SAMS-Studie
S28-03-01 

M. Doh, F. Rupprecht, M. R. Jokisch; Heidelberg

Hintergrund: Die Digitalisierung erreicht zunehmend auch den Lebensalltag hochaltriger Menschen. Laut Analysen aus repräsentativen Medienstudien nutzte 2016 in Deutschland jede fünfte Person ab 80 Jahren das Internet, das entspricht fast einer Million Onliner (Doh, 2017). Doch mangelt es bislang an mediengerontologischen Basisdaten zum Umgang mit digitalen Medien. Der Vortrag bietet hierzu erste Ergebnisse aus der SAMS-Studie (Senioren, Alltag, Medien in Stuttgart).

Methode: Von einer im Herbst 2016 repräsentativ gezogenen Stichprobe (mittels CATI-Verfahren) von privatwohnenden Personen ab 60 Jahren aus Stuttgart (n=1214), wurden zwei gewichtete Altersgruppen in Bezug gesetzt: 60-79 Jahre (n=965, Ø 68.9 Jahre, Frauen 54%) und 80-99 Jahre (n=249; Ø 85.1 Jahre, Frauen 62%). Erfasst wurden Basisdaten zum Medienalltag sowie psychologische Konstrukte zu Technikeinstellung, Sozialraum, Gesundheit und Wohlbefinden. Mittels Korrelationen und Regressionsanalysen wurden Einflussfaktoren zur Nutzung des (mobilen) Internets ermittelt.

Ergebnisse: Bereits fast ein Drittel der hochaltrigen Personen aus Stuttgart zählen zu den Onlinern, davon nutzt über die Hälfte fast täglich das Internet. Weitere Befunde zur Medienausstattung und -nutzung unterstreichen die präsente Digitalisierung in dieser Altersgruppe. Der Grad der Digitalisierung liegt zwar unter dem Niveau der jüngeren Altersgruppe, nicht jedoch die allgemeine Technikeinstellung. Regressionsanalysen bestätigen soziodemographische Ressourcen wie Geschlecht, Bildungs- und Einkommensstatus sowie mediale Ressourcen wie digitale Medienausstattung und Kenntnisse von IKT als bedeutsame Prädiktoren für die Internetnutzung in beiden Altersgruppen. Als hinderliche Faktoren erweisen sich bei den Hochaltrigen die erhöhte Vulnerabilität für körperliche und kognitive Einschränkungen sowie ein erhöhter Mangel an sozialen Unterstützungsressourcen.

Schlussfolgerung: Die Befunde belegen die zunehmende Verbreitung und Nutzung digitaler Medien auch unter hochaltrigen Personen. Doch sind es besonders ressourcenstarke Personen, die sich den neuen digitalen Möglichkeiten zuwenden. Die Potenziale der Digitalisierung haben sich für ressourcenarme, vulnerable hochaltrige Personen noch wenig erschlossen.

13:50
Motivationale Bedingungen der Techniknutzung im Alter: Die Bedeutung der subjektiven Adaptionsfähigkeit
S28-03-02 

S. Kamin; Nürnberg

Technologischer Fortschritt stellt viele Menschen vor unerwartete Herausforderungen. Wer einem neuen technischen Gerät begegnet, muss nicht selten umlernen und stößt dabei oft an seine Grenzen. Ein häufiges Vorurteil lautet, dass es Menschen im höheren Lebensalter besonders schwer fällt, sich an neue Technologien anzupassen und diese zu nutzen. Dieser Beitrag klärt auf der Grundlage empirischer Befunde darüber auf, weshalb „das Alter“ nicht als kausal wirkender Erklärungsansatz für die Nutzung oder Nicht-Nutzung von Technik herangezogen werden sollte. Hierzu wird mit der subjektiven Adaptionsfähigkeit eine motivationale Ressource der Anpassung an die Anforderungen technischer Umwelten im Alter vorgestellt. Dabei stehen zwei zentrale Fragestellungen im Vordergrund. Erstens, wie kann die Variabilität der Techniknutzung im Alter in Abhängigkeit interindividueller Ausprägungen der subjektiven Adaptionsfähigkeit erklärt werden? Zweitens, wie können unterschiedliche Ausprägungen der subjektiven Adaptionsfähigkeit bei älteren Menschen erklärt werden? Befunde zeigen, dass die subjektive Adaptionsfähigkeit eine bedeutsame motivationale Ressource für die erfolgreiche Nutzung von Technik im Alter ist. Dabei scheinen interindividuelle Unterschiede kaum mit dem chronologischen Alter assoziiert zu sein—vielmehr ist insbesondere die Offenheit für neue Erfahrungen ein wichtiger Prädiktor der subjektiven Adaptionsfähigkeit bei älteren Menschen.

14:10
Internetnutzung im stationären Kontext von Alterspflegeeinrichtungen
S28-03-03 

A. Seifert, M. Doh; Zürich/CH, Heidelberg

Die Altersforschung zur Verbreitung, Akzeptanz und Nutzung digitaler Medien und des Internets älterer Menschen hat in den letzten Jahren starke Resonanz gefunden, doch beziehen sich die Untersuchungen überwiegend auf privatwohnende Personen. Wie ältere Personen, die in (Pflege-)Institutionen wohnen, sich der digitalen Welt annähern, ist wenig erforscht; auch fehlen bislang Repräsentativdaten zu diesem speziellen Setting. Die Schweizer Studie "ICT@ageCARE" hat 2016 zwei Vollerhebungen bei städtischen und privat-gemeinnützigen Alterseinrichtungen durchgeführt und dabei auch Fragen zur Internetnutzung, Lebenszufriedenheit und subjektiven Autonomie erfasst.
Im Mai 2016 konnten 1127 BewohnerInnen von 24 städtischen Alterszentren der Stadt Zürich (ASZ) und im September 2016 730 BewohnerInnen aus 18 Häusern der privat-gemeinnützigen stationären Altersinstitutionen (IGA) befragt werden. Ausgangslage war ein schriftlich standardisierter Fragebogen, der alleine oder unter mithilfe von Angehörigen ausgefüllt werden konnte. Der Rücklauf betrug jeweils über 60% und es konnten Personen im Alter von 65 bis 104 Jahre (Durchschnitt: 87 Jahre) befragt werden. Die Stichprobe enthält 75% Frauen und 44% hatten keine Pflegestufe (Schweizer BESA System).
Von den befragten Bewohnerinnen und Bewohnern nutzen 14% das Internet. Zwischen den Gruppen der Nutzer und Nichtnutzer zeigen sich die bekannten soziodemographischen Muster aus privatwohnenden Samples (Übergewicht an jungen und gesünderen Älteren und an Männern). Onliner weisen auch eine höhere subjektiv wahrgenommene Lebenszufriedenheit und Autonomie auf. Die Intensität der Internetnutzung ist stark ausgeprägt – die Hälfte nutzt das Internet täglich.
Die Ergebnisse geben einen ersten Einblick zur Mediatisierung und Digitalisierung von älteren Menschen im stationären Alterspflegebereich. Die Nutzung des Internets in den Alterspflegeeinrichtungen ist noch gering ausgeprägt und betrifft besonders ressourcenstärkere Personen. Es finden sich jedoch Hinweise, dass speziell in diesen Settings das Internet eine bedeutsame Ressource für die subjektive Autonomie darstellen kann.

14:30
Techniknutzung und Hochaltrigkeit - Entwicklungseinflüsse in der Lebensspanne
S28-03-04 

P. Enste; Gelsenkirchen

Der Zusammenhang zwischen sozialen Ungleichheiten und Technikakzeptanz ist in vielfachen Zusammenhängen beschrieben worden. Es zeigt sich, dass vor allem hochaltrige, weibliche, einkommensschwache und alleinlebende Personen einen geringen Bezug zur Nutzung moderner Technologien aufweisen. Somit ergibt sich ein scheinbares „Dilemma der Techniknutzung“: Gerade die Menschen, die im Alter auf Hilfe angewiesen sind und für die Technik im Alltagsleben eine große Hilfe sein kann, stehen modernen Technologien eher ablehnend gegenüber und nutzen diese nicht. Anhand des Dreifaktorenmodells nach Baltes wird untersucht, wie die Einstellung zur Technik im Lebenslauf bei sozial-benachteiligten Personen entsteht und wie sich diese Einflussfaktoren auf die Technik(nicht)nutzung im Alter auswirken. Im Rahmen der Studie wurden 17 problemzentrierte Interviews mit sozial-benachteiligten Personen durchgeführt und inhaltsanalytisch ausgewertet. Es zeigt sich, dass Technik allgemein im Lebenslauf vor dem Hintergrund historischer Einflüsse als sehr hilfreich empfunden wird. Vor allem die weiblichen Befragten berichten sehr positiv über die so genannte "Haushaltsrevolution" der technischen Geräte. Probleme mit moderner Technik entstehen in der Regel durch individuelle Lebensereignisse. So sind vor allem die Personen mit niedrigem Bildungsstand und geringer Berufserfahrungen im Laufe ihres Lebens nicht oder nur sehr spät in den Kontakt mit digitalen Medien gekommen. Auch das soziale Umfeld spielt eine wichtige Rolle, weil gerade die Hochaltrigen oftmals eine genaue Einweisung in eneue Geräte und zielgruppenspezifische Servicestrukturen vermissen. Durch kritische Lebensereignisse kann es zur plötzlichen Konfrontation mit Technik kommen: Der Tod des Ehepartners kann dazu führen, dass Personen sehr plötzlich sich um technische DInge kümmern müssen, mit denen sie sich vorher nicht beschäftigt haben. Die „Nicht-Nutzer“ lassen sich dabei anhand von drei Typen abbilden: Für die digitale Mediennutzung ist vor allem der Typ des potenziellen Nutzers von Bedeutung, da bei ihm generelles Interesse besteht.

Diskutiert werden die Beiträge unter Leitung von Dr. Michael Doh und Peter Enste.

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