Donnerstag, 28.09.2017

13:30 - 15:00

N 017

S28-04

Individuelle Altersbilder - aktuelle Befunde der Gerontopsychologie

Moderation: E.-M. Kessler, Heidelberg; V. Klusmann, Konstanz

Unser ganzes Leben begleiten uns Vor- und Darstellungen darüber, wie das Alter(n) ist, wie es sein könnte und sein sollte. Individuelle Altersbilder beeinflussen dabei nachweislich unser Erleben und Verhalten, etwa die Wahrnehmung unseres eigenen Alterns, Gesundheitshandeln und Interaktionen mit älteren Menschen. In diesem Symposium präsentieren wir aktuelle Erkenntnisse der gerontopsychologischen Altersbildforschung aus dem Kreis des wissenschaftlichen Netzwerkes „Altersbilder: Über ein dynamisches Lebensspannen-Modell zu neuen Perspektiven für Forschung und Praxis“.

13:30
Altersbilder und die Wahrnehmung der Altersabhängigkeit von Veränderungen
S28-04-01 

A. Kornadt, P. Voss, K. Rothermund; Bielefeld, Jena

Ob Veränderungen als altersbedingt oder vom Alter eher unabhängig wahrgenommen werden, beeinflusst, wie man mit diesen Veränderungen umgeht: Altersbedingte Veränderungen werden typischerweise als irreversibel erlebt und führen zu erhöhter Resignation aber auch Akzeptanz; demgegenüber erscheinen Veränderungen, die als vom Alter unabhängig wahrgenommen werden, als potentiell umkehrbar. Wir untersuchten, inwiefern altersbezogene Vorstellungen einen Einfluss auf die Interpretation von Veränderungen haben. Unsere Hypothese war, dass Menschen mit negativen Altersbildern Veränderungen eher als altersbedingt erleben, insbesondere, wenn die Richtung der Veränderung (Verbesserung/Verschlechterung) zu dem entsprechenden Altersbild (positiv/negativ) passt. In einer Stichprobe von N = 593 Personen im Alter von 30-80 Jahren erfassten wir für verschiedene Lebensbereiche (a) Vorstellungen von älteren Menschen, (b) tatsächlich erlebte Veränderungen, sowie (c) inwiefern Veränderungen als altersabhängig erlebt werden. Veränderungen wurden insgesamt vor allem im Bereich Arbeit und in körperbezogenen Bereichen als altersabhängig beschrieben. Hypothesenkonform zeigte sich, dass Menschen mit negativen Altersbildern Veränderungen eher als altersbedingt wahrnehmen, insbesondere, wenn sie selbst deutliche Veränderungen in den letzten vier Jahren erlebten. Der Effekt unterschied sich jedoch je nach Lebensbereich und war insbesondere im Bereich Freizeit, sowie in gesundheits- und körperbezogenen Bereichen zu finden. In einigen Bereichen wie z.B. Finanzen, führten negative Altersbilder vor allem dann dazu, dass Veränderungen als altersbedingt eingeschätzt wurden, wenn tatsächlich erlebte Veränderungen ebenfalls negativ waren. Die vorliegenden Ergebnisse stellen einen weiteren Beleg für die Annahme dar, dass Altersbilder die Interpretation von Erfahrungen und damit indirekt auch Entwicklungsprozesse beeinflussen.

13:50
Psychotherapeutische Interaktion mit älteren Patienten: Eine qualitative Analyse der Erfahrungen jüngerer Psychotherapeuten
S28-04-02 

A.-K. Boschann, E.-M. Kessler; Berlin

Die weiterhin überproportional wachsende Anzahl älterer Menschen (65+) in Deutschland und die dadurch zunehmende Häufigkeit psychischer Alterserkrankungen führt zu einem steigenden Bedarf an gerontopsychiatrischer Kompetenz. Empirische Studien zeigen, dass die psychotherapeutische Behandlung Älterer eine Reihe von Herausforderungen für Therapeuten mit sich bringt, deren weitere Erforschung notwendig ist. Die durchgeführte Untersuchung fokussierte sich auf den psychotherapeutischen Kontakt zwischen älteren Patienten und jüngeren Therapeuten. Ziel war es, neue Erkenntnisse über den Einfluss verinnerlichter Altersbilder und intergenerationeller Dynamiken auf die psychotherapeutische Behandlung zu generieren. Mit Hilfe eines problemzentrierten Interviews wurden fünf Psychotherapeuten in Ausbildung zu ihren therapeutischen Erfahrungen mit älteren Patienten befragt und mittels Grounded Theory analysiert. Das erste Ergebnis beschreibt ein Konstrukt, welches aus drei sich gegenseitig beeinflussenden Bereichen besteht: den Erfahrungen, dem Altersbild und der Vorstellung vom eigenen Altern. Diese Triade prägt die Motivation und Einstellung jüngerer Therapeuten zur Psychotherapie mit älteren Patienten. Das zweite Ergebnis beschreibt die Konflikte jüngerer Therapeuten, die aufgrund generationsbedingter Differenzen und der auftretenden Enkelkind-Großeltern-Dynamik innerhalb des therapeutischen Kontakts entstehen. Die Ergebnisse der Interviews zeigen auch, dass angehende junge Therapeuten nicht in ausreichendem Maße auf die psychotherapeutische Behandlung älterer Patienten vorbereitet werden. Hier können in der Ausbildung u.a. die Vermittlung positiver Altersbilder und eine Unterstützung mittels Supervision hilfreich sein.

14:10
Altersbilder im Alltag von jungen und älteren Menschen – festgehalten in Fotografien
S28-04-03 

V. Klusmann; Bremen

Entsprechend der Stereotype Embodiment Theory wird angenommen, dass unsere Altersbilder ab frühester Jugend geprägt und über die Lebensspanne verinnerlicht werden. Aktuelle Studien zeigen, dass die Wahrnehmung des Alterns als produktiv versus unproduktiv bereits in jungen Jahren verhaltensrelevant wird und sich der Einfluss über die Lebensspanne zu verstärken scheint. Bislang wurde jedoch nicht hinreichend untersucht, wie prävalent Altersbilder in unserem Lebensalltag sind und wie sich in verschiedenen Altersgruppen Inhalte, Quantität und Valenz von Altersbildern unterscheiden.

Acht jüngere (20-30 Jahre) und acht ältere (55+ Jahre) Personen haben für die vorliegende Studie im Verlauf einer Woche in Fotografien festgehalten, wo ihnen in ihrem Alltag das Älterwerden begegnet. Zu jedem Foto verfassten sie einen kurzen erläuternden Titel. 170 Fotografien (83 von jungen und 87 von älteren) wurden mit einer Strukturlegetechnik bezüglich Inhalt und Valenz sortiert und quantifiziert.

Insgesamt unterschied sich die Valenz der Altersbilder jüngerer und älterer Personen nicht; es zeichneten sich Bereiche mit vorwiegend positiven und andere mit vorwiegend negativen Altersbildern ab. Jedoch waren die Themen und Aspekte der Fotografien in den Inhaltsbereichen altersspezifisch. Die Jüngeren benannten vor allem Krankheiten, Wohlstand und Entwicklungspotentiale, während die Älteren vor allem funktionale Veränderungen, Kompensationen und Zeitressourcen festhielten.

Das gewählte sprachfreie, non-suggestive und niedrigschwellige Messinstrument zeigt sich somit geeignet, um Altersbilder im alltäglichen Leben zu erfassen. Die differentiellen Profile der Altersbilder jüngerer und älterer Personen spiegeln womöglich unterschiedliche Alternsdiskurse in verschiedenen Generationen wider. Damit liefert die Studie nicht nur wissenschaftsrelevante Impulse für ein tiefergehendes Verständnis der Struktur und Alltagsrelevanz von Altersbildern, sondern birgt gewichtige praktische Implikationen, beispielsweise für eine zielgruppengerechte Ansprache, für die Gestaltung intergenerativer Begegnungen und als Ausgangspunkt für Interventionen zur Förderung einer produktiven Auseinandersetzung mit dem Älterwerden.

14:30
Hängen Therapieentscheidungen von Psychotherapeuten vom Alter des Patienten ab?
S28-04-04 

E.-M. Kessler, T. Schneider; Berlin, Heidelberg

Ziel: Ziel der vorliegenden Studie war zu untersuchen, ob Einstellungen und Therapieentscheidungen von Psychotherapeuten vom Alter des Patienten abhängen. Methode: Ein Stichprobe von Psychotherapeuten (N = 97) beantwortete Fragen bezüglich einer naturalistischen Fallvignette, in welcher es um eine Patientin mit Depressions- und Angstsymptomen ging.  Im Rahmen eines experimentellen Designs wurde die Patientin entweder als 79 Jahre (Bedingung ‚Alter Patient‘) oder als 47 Jahre (Bedingung ‚Junger Patient‘) beschrieben.

Ergebnisse: Es zeigte sich keine generell negativere Einstellung der Teilnehmer gegenüber der älteren Patientin. Allerdings hatte das angegebene Alter der Patientin einen Einfluss auf die Wahl des von den Teilnehmern präferierten therapeutischen Vorgehens. Im Speziellen empfahlen die Teilnehmer im Falle der älteren Patientin eher Kurz- als Langzeittherapie und beurteilten ein klärungsorientiertes Vorgehen (d.h. Bewusstwerdung der Determinanten problematischen Verhaltens und Erlebens) als weniger wichtig und zielführend.

Schlussfolgerung: Das tief verankerte Stereotyp des rigiden und nicht veränderungsfähigen alten Menschen ist möglicherweise ein wichtiger und potentiell problematischer Faktor im psychotherapeutischen Geschehen. Um die Effektivität von Psychotherapie im Alter zu gewährleisten werden Interventionen benötigt, die Psychotherapeuten bei der Reflexion ihrer individuellen Altersbilder unterstützen.

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