Dienstag, 13.06.2017

09:30 - 11:00

N 108

S29-01

Lebensorte älterer Menschen: Partizipative Gestaltungsmöglichkeiten im Spannungsfeld der (Eigen-) Logiken unterschiedlicher Akteure

Moderation: S. Kümpers, Fulda

Die Heterogenität des Alter(n)s ist der Normalfall. Heterogen sind ebenso die Teilhabemöglichkeiten, -bedingungen und -voraussetzungen älterer Menschen, welche wiederum abhängig sind von den (Eigen-) Logiken der jeweiligen Akteure in kommunalen, professionellen und/oder zivilgesellschaftlichen Kontexten. Chancen und Herausforderungen, wie Teilhabe und Partizipation an unterschiedlichen Lebensorten älterer Menschen ermöglicht, umgesetzt und gestärkt werden können, sollen im Rahmen des Symposiums erörtert werden. Anhand der ersten (Zwischen-) Ergebnisse der drei partizipativen Forschungsprojekte „Bürgerhilfevereine und Sozialgenossenschaften als Partner der öffentlichen Daseinsvorsorge und -pflege. Modellentwicklung zur ergänzenden Hilfeleistung für ältere Menschen im ländlichen Raum“ (BUSLAR), „Age4Health - Gesunde Stadtteile für Ältere“  und „Partizipation in der stationären Altenhilfe“ (PaStA) werden unterschiedliche Perspektiven beleuchtet.

09:30
"On the way": Herausforderungen bei der partizipativen Gestaltung des Forschungsdesigns im Alters- und Pflegeheim
S29-01-01 

M. von Köppen, Y. Rubin, D. Hahn, S. Kümpers; Fulda

Die Beteiligung der Menschen, deren Lebens- und Arbeitswelt erforscht werden soll, an allen Schritten eines Forschungsprojekts ist das Grundprinzip partizipativer Gesundheitsforschung. Forschung soll mit den Menschen erfolgen und nicht über sie. Die Umsetzung dieses Prinzips macht den Forschungsprozess jedoch auch äußerst voraussetzungsvoll. So wird gefordert, dass das Forschungsdesign, um eine echte Mitentscheidung zu ermöglichen, nicht wie üblich von den akademischen Forscher*innen festgelegt wird, sondern dass es einer prozesshaften Entwicklung mit allen Beteiligten – akademischen wie nichtakademischen Forscher*innen – "on the way" bedarf. 

Die sich aus einer solchen Vorgehensweise ergebenden Herausforderungen werden im Kontext „Alters- und Pflegeheim“ noch einmal verstärkt: Wie kann Partizipation am Forschungsprozess in einer Institution gelingen mit vorrangig hochaltrigen und körperlich und/oder kognitiv oftmals stark eingeschränkten Menschen?

Das dreijährige partizipative Forschungsprojekt PaStA erforscht in verschiedenen Altenpflegeeinrichtungen in Fulda die Partizipationsmöglichkeiten der Bewohner*innen in der stationären Altenhilfe. Beteiligt werden an der Forschung neben den Bewohner*innen auch die Mitarbeiter*innnen, die Angehörigen und evtl. vorhandene Ehrenamtliche.

Im Beitrag wird ausgelotet, wie akademische zusammen mit nichtakademischen Forscher*innen ein Forschungsdesign entwickeln können und welche Grenzen es dafür gibt. Dazu muss insbesondere der Heterogenität der Beteiligten Rechnung getragen werden, denn ältere Menschen am Ende ihres Lebens wollen und können ganz unterschiedlich partizipieren. Dies hat Auswirkungen auf das Rollenverständnis aller am Projekt Beteiligten und erfordert spezifische Kompetenzen.  

09:55
Selbstorganisation älterer Menschen in ländlichen Räumen – Vernetzungen zur Erhaltung des Lebensortes im Spannungsfeld von politischer Instrumentalisierung und aktivem selbstbestimmten Alter(n)
S29-01-02 

M. Alisch, M. Ritter; Fulda

In der politischen Diskussion werden die Selbstorganisationskräfte und das Ehrenamt gern als „Rettungsanker“ für Defizite der öffentlichen Daseinsvorsorge gesehen. Ältere Menschen nehmen diese Aufforderung an und organisieren sich – z.B. in Bürgerhilfevereinen – zum Erhalt ihrer Lebensorte und des Gemeinwesens. Sie schaffen Vernetzungsformen mit einer Besonderheit gegenüber anderen Vereinen: Sie vernetzen sich nicht zur Ausübung einer dritten Sache (z.B. Sport), sondern sozusagen um ihrer selbst willen, indem sie versuchen, solidarische Formen von Hilfe und Versorgung mit kleineren Dienstleistungen und Begegnungsmöglichkeiten zu etablieren. Sie bemühen sich um Nachhaltigkeit ihrer Unterstützungsleistungen, indem sie Bedürfnisse von hilfebedürftigen Älteren mit ihren eigenen Wünschen nach Aktivität und Kontakt verknüpfen und sich mit anderen Akteuren in der Region vernetzen. Die Leistungsfähigkeit dieser älteren Ehrenamtlichen in den Bürgerhilfevereinen ist fragil: Sie ist bestimmt von ihrer Lebenssituation in der Nacherwerbsphase, verbunden mit zeitlichen Freiheiten aber auch Einschränkungen und familiären Verpflichtungen. Sie sehen die Notwendigkeit intensiverer Vernetzung und Kooperation, um Leistungsfähigkeit zu gewinnen und sich zu entlasten. Der Kommunalpolitik sind die Möglichkeiten dieser selbstorganisierten Bürgerhilfevereine in ländlichen Räumen zum Erhalt des Gemeinswesens durchaus bewusst. Allerdings legt sie dazu ihre eigenen Kriterien des Erfolges an und Ansprüche an flächendeckende Versorgung an und drängt die Engagierten in eine Professionalisierung. Dieses Spannungsfeld könnte zu einer Zerreißprobe für die selbstorganisierte Unterstützungsarbeit der engagierten Älteren an ihrem Lebensort werden und das Potenzial ihrer Aktivitäten zerstören. Der Vortrag basiert auf Zwischenergebnissen aus einem BMBF geförderten Handlungsforschungsprojekt zur Rolle solcher Bürgerhilfevereine als Partner der öffentlichen Daseinsvorsorge in der Unterstützung älterer Menschen in ländlichen Räumen.

10:20
„Ich bin doch noch nie gefragt worden“: Zielgruppe(n), kommunale Ausgangssituationen und Zugangsstrategien im Kontext von Alter(n), Sozialraum und partizipativer Forschung
S29-01-03 

C. Kühnemund, M. Nemelka, S. Kümpers; Fulda

Partizipative Forschungsansätze sehen alle Erkenntnisse und Phasen der Forschung bzw. Interventionen als eine Ko-Produktion der jeweils im projektspezifischen Fokus stehenden Zielgruppen selbst, der unterschiedlichen professionellen und zivilgesellschaftlichen Akteure sowie der Wissenschaft an. Verwirklicht werden soll dies durch einen größtmöglichen Grad der Beteiligung an und Mitbestimmung über Prozesse sowie eine partnerschaftliche Zusammenarbeit aller Akteure vor Ort. Der explizite Einbezug auch von den Menschen, die bislang keine oder nur wenig Teilhabe erfahren haben, ist, neben Erkenntnisgewinn und Anstoßen von Veränderungsprozessen im Hinblick auf gesundheitliche Chancengleichheit, ebenso Zielsetzung partizipativer Gesundheitsforschung.  

Vor dem Hintergrund angestrebter gemeinsamer Handlungsprozesse in partizipativen Forschungsprojekten erweisen sich insbesondere Fragen nach Zugangs-, Gewinnungs- und Beteiligungsstrategien zu bzw. für Zielgruppe(n) zum Teil als voraussetzungsvoller, als bei „erprobten“ qualitativen Sozialforschungsansätzen – insbesondere dann, wenn es um Menschen geht, die in ihrer Biografie nur wenige oder keine Mitwirkungs- bzw. Teilhabechancen erfahren haben.

Im partizipativen Forschungsprojekt "Age4Health - Gesunde Stadtteile für Ältere", das im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschungsverbundes für gesunde Kommunen (PartKommPlus) bis Januar 2018 durchgeführt wird, werden u.a. Erkenntnisse darüber gewonnen, wie lebensweltbezogene Strategien der Gesundheitsförderung mit und für ältere Menschen, insbesondere in schwierigen Lebenslagen, partizipativ entwickelt und umgesetzt werden können. Anhand der Forschungsergebnisse aus zwei partizipativen Fallstudien beleuchtet der Tagungsbeitrag u.a. die unterschiedlichen kommunalen Ausgangssituationen, ihren Einfluss auf Zugangsmöglichkeiten, daraus resultierende Implikationen für Zugangs- und Beteiligungsstrategien, die Ausgangspunkte für gemeinsame Handlungsprozesse darstellen.

Diskutantin: M. Ritter, Fulda

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