Freitag, 29.09.2017

14:15 - 15:45

N 017

S29-17

Lebensphasen und Versorgungserfahrungen – Herausforderungen und Handlungsansätze zur Unterstützung versorgender Angehöriger

Moderation: L. Schirra-Weirich, Aachen; H. Wiegelmann, Köln

Gesellschaftlichen Individualisierungsprozessen zum Trotz, lässt sich eine immer noch starke Prägekraft institutionalisierter Lebenslaufpassagen beobachten. Im Zentrum dieser zeitlichen Strukturierung und Normalisierung von Biographien steht die Sphäre der Erwerbsarbeit (Kohli 1985). Die „Dreiteilung“ des Lebensverlaufs konstatiert daher in konsequenter Weise ein Vorher-Nachher-Modell mit der Phase der Erwerbsarbeit im Zentrum (ebd.). Ausbildung-Erwerbsarbeit-Rentenstatus sind demnach auch heute noch zentrale gesellschaftliche Marker, die spezifische Bündel an Erwartungen für Individuen formulieren. Es gibt, so die These, quasi einen groben Zeitplan wann bestimmte Dinge zu tun sind bzw. was sich für ein gewisses Lebensalter gehört. Das Bildungssystem stellt Anforderungen an Kindheit und Jugend, der Arbeitsmarkt an die mittlere Lebensphase und im dritten Abschnitt spielt das Rentensystem die Hauptrolle (Sackmann 2007).

Auch wenn die informelle Pflege und Versorgung eines nahestehenden Menschen weiterhin stark mit einem höheren Lebensalter assoziiert wird und Studien aufzeigen, dass ein beträchtlicher Anteil der versorgenden Angehörigen älter als 65 Jahre ist und sich damit selber an der Schwelle zum höheren Lebensalter befindet (Beitrag 3), stellen sich informelle Versorgungskonstellationen häufig generationenübergreifend dar. Um diese „mittleren Angehörigenkohorte“ sticht in den vergangenen Jahren insbesondere die Vereinbarkeitsfrage hervor (Beitrag 2). Des Weiteren lässt sich konstatieren, dass zunehmend auch die „Enkelkinder-Generation“ in Versorgungsarrangements integriert ist und sich Fragen der Vereinbarkeit (Schule, Ausbildung, Studium) neu stellen (Beitrag 1).

Das Symposium macht sich die genannte „normalisierte Dreiteilung des Lebensverlaufs“ zu Eigen und betrachtet lebensphasenspezifisch zentrale Erfahrungen und Herausforderungen sowie Unterstützungsansätze versorgender Angehöriger. Fokussiert werden soll, welche spezifischen Anforderungen und Erwartungen die jeweilige Lebensphase mit sich bringt und ob es andererseits generationenüberlagernde soziale Anforderungen gibt. Betrachtet werden vor allem die Themenbereiche „Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe“ sowie „Konflikte zwischen wirtschaftlichen und familialen Anforderungen“.

14:15
Junge Pflegende in Bildungsprozessen
S29-17-01 

A.-M. Spittel, S. Kaiser, G. C. Schulze; Oldenburg

Kinder und Jugendliche, die zur Versorgung und Pflege ihrer Angehörigen beitragen, sind ein internationales Phänomen. In Deutschland übernehmen laut einer aktuellen Studie 5% der Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren substantielle Pflegetätigkeiten für Angehörige, die eine Erkrankung oder Beeinträchtigung haben.

Während es in Großbritannien über 350 spezifische Projekte für junge Pflegende (engl. young carers) gibt, sie konkrete Rechtsansprüche haben und ein weit verbreitetes Bewusstsein über ihre Situation in der Gesellschaft existiert, zeigt sich in Deutschland die gesellschaftliche Wahrnehmung junger Pflegender begrenzt. Obwohl sie vor spezifischen Herausforderungen stehen, werden sie auch von Professionen im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen werden sie häufig nicht als Zielgruppe wahrgenommen. Aufgrund der Schulpflicht sind es vor allem die im Bildungswesen tätigen Personen, die auf die Situation und möglichen negativen Auswirkungen aufmerksam werden können. Junge Pflegende verbringen einen Großteil ihres Tages in der Schule. Doch neben der Pflicht zum Schulbesuch, stellt die Institution auch eine wichtige Sozialisationsinstanz im Leben junger Menschen dar, in der sie soziale Kontakte knüpfen und zentrale Kompetenzen für ihre Entwicklung erwerben.

In einer ersten qualitativen Studie zur schulischen Situation der Zielgruppe mit pflegenden Schülerinnen und Schülern (N=9), ihren Eltern (N=8) und ihren Lehrkräften (N=5) in Deutschland zeigt sich, dass positive und negative Auswirkungen im Zusammenhang mit den Pflegetätigkeiten gesehen werden. Dabei sind auch divergierende Wahrnehmungen zur schulischen Situation von den unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren der schulischen Lebenswelt erkennbar. Einhergehend mit internationalen Erkenntnissen zeigt sich, dass die jungen Menschen auch im Bildungswesen als Teil ihres familialen Systems wahrgenommen werden und Übergänge in Ausbildung oder Studium gestaltet werden müssen. Die Studienteilnehmenden artikulieren Unterstützungsbedarfe und sehen Handlungsmöglichkeiten auf der familialen-, schulischen- und gesellschaftlichen Ebene.

14:40
Vereinbarkeit von Pflege und Beruf – Realitäten und Notwendigkeiten aus der Perspektive von Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden
S29-17-02 

I. Gerlach, C. Pälmke; Münster

Lange wurde die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Wissenschaft ausschließlich mit dem Fokus auf Kinderbetreuung diskutiert. Rechtliche wie betriebliche Maßnahmen zur Unterstützung pflegend Beschäftigter blieben meist unberücksichtigt. In den letzten Jahren hat sich dieses Bild jedoch gewandelt: Die Lebenswelt pflegend Beschäftigter ist klarer erfasst und die Rolle von Unternehmen, als zentrale Akteure der Entwicklung vereinbarkeitsfördernder Rahmenbedingungen, deutlicher herausgearbeitet worden. Soll verstanden werden, wie sich der Ist-Zustand der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf in Deutschland darstellt, müssen beide Perspektiven in der Analyse aufeinander bezogen werden: Zum einen können anhand der Lebenswelten hemmende und fördernde Faktoren benannt werden. Zum anderen verbinden Unternehmen ganz eigene Motive mit dem Thema, die das betriebliche (Nicht-)Handeln und die Form der Unterstützung erklären können.

Vor diesem Hintergrund wird analysiert, inwiefern sich beide Perspektiven widersprechen oder zusammenbringen lassen. Anhand aktueller Studien wird zunächst dargestellt, wie sich die Gruppe der pflegend Beschäftigten zusammensetzt und welche Erwartungshaltungen sie an ihre Arbeitgebenden formulieren. Auch der Aspekt pflegebedingter Arbeitslosigkeit wird behandelt. In einem zweiten Schritt werden die Handlungsweisen und Handlungsoptionen von Arbeitgebenden zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf betrachtet. Dabei wird auf Erkenntnisse des Projekts „Betriebliche Netzwerke Pflege und Beruf“ zurückgegriffen, welches, gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), im Zeitraum von 2013-2016 im Mittleren Ruhrgebebiet durchgeführt wurde. Abschließend wird anhand einer analytischen Gegenüberstellung beider Perspektiven eine kritische Bewertung des IST-Zustands vorgenommen.

Deutlich wird, dass sowohl die pflegend Beschäftigten als auch ihre Arbeitgebenden von einer gelingenden Vereinbarkeit profitieren. Allerdings sind die Erwartungshaltungen der Beschäftigten mit dem Umsetzungsstand in den Betrieben noch nicht kongruent. Wichtige Stellschraube sind in diesem Zusammenhang die Sensibilisierung regionaler Akteure (wie Kommunen und Industrie- und Handelskammern) und eine langfristige Veränderung der Unternehmenskulturen.

15:05
Erfahrungen und Herausforderungen versorgender Angehöriger im höheren Alter
S29-17-03 

L. Schirra-Weirich, H. Gröber, H. Wiegelmann; Köln

Die Versorgung von Menschen mit Demenz (MmD) im höheren Alter birgt Herausforderungen. Häufig übernehmen Personen im höheren Lebensalter (meist EhepartnerInnen) die Versorgung zu Hause allein. Aufgrund des ebenfalls hohen Alters der Hauptversorgungsperson entsteht ein erhöhtes Risiko für deren eigene Erkrankung und damit für eine instabile Versorgungssituation.

Das Projekt InRegA-Dem (gefördert vom Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter NRW; Landesverbände der Pflegekassen) untersucht, welche Personen welche Angebotsstrukturen zur Entlastung nutzen. Ziel ist, häusliche Versorgungsarrangements langfristig zu stabilisieren und gesellschaftliche Teilhabe und Partizipation von vA zu unterstützen. Dabei werden auch die beschriebenen, sogenannten riskant versorgenden Gleichaltrigen, also hochaltrige versorgende Angehörige (vA), betrachtet.

Erste Ergebnisse aus vA-Fokusgruppen veranschaulichen subjektive Belastungserfahrungen. So berichten hochaltrige vA u.a. von eigenen Krankheiten und Krankenhausaufenthalten. Bezüglich der sozialen Teilhabe wird die Gefahr der sozialen Isolation genannt, die die Lebensqualität beeinflussen kann.

Anbieter wiederum verweisen darauf, dass sie hochaltrige vA mit Angeboten nicht erreichen. Als weitere Personengruppe, die unzureichend versorgt ist, nannten sie alleinstehende hochaltrige Personen in ländlichen Gebieten. Als Barrieren dieser Personengruppe für die Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten werden insbesondere Bürokratie und Informationsdefizite, aber auch Scham und das Bedürfnis, die Versorgung alleine zu übernehmen, gennant.

Es ist davon auszugehen, dass EhepartnerInnen seltener Unterstützung nutzen als andere Familienangehörige (z. B. Kinder). Wichtig könnte daher eine Zusammenarbeit mit gesellschaftlich akzeptieren Strukturen (z. B. Kirchen, Vereine) sein, um die Personengruppen zu erreichen, die nicht selbstständig Unterstützungsangebote aufsuchen.

Die vorliegenden Ergebnisse werden durch Erkenntnisse aus der Literatur sowie aus zwei weiteren Befragungen (Online Befragung von Anbietern; P&P Interviews mit vA) im Sommer 2017 ergänzt und können zum Zeitpunkt der Tagung präsentiert werden.

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