Donnerstag, 28.09.2017

15:30 - 17:00

N 106

S28-08

Session: Besondere Versorgungsbedarfe

Moderation: E.-M. Kessler, Heidelberg

15:30
Psychotherapeutische Versorgung älterer Menschen mit depressiver Erkrankung: Barrieren und Möglichkeiten des Zugangs – Ergebnisse aus dem Projekt „PSYTIA“
S28-08-01 

K. Falk, K. Kammerer; Berlin

Fragestellung: Ältere Menschen mit depressiver Erkrankung nehmen seltener Psychotherapie in Anspruch als jüngere Menschen. In einer Studie in Berlin wurden Barrieren und Möglichkeiten des Zugangs zu Psychotherapie für über 60-jährige, depressiv erkrankte Menschen untersucht.

Methode: Die Perspektiven von HausärztInnen (N=14), PsychotherapeutInnen (N=11) und älteren Menschen mit depressiver Erkrankung (N=18) wurden in leitfadengestützten Interviews erhoben. Unter 402 HausärztInnen (Rücklauf 23,6%, N=95) und 3.197 Mitgliedern der Berliner Psychotherapeutenkammer (Rücklauf 10,2%, N=326) wurde im Vorfeld je eine schriftliche Befragung durchgeführt. Die Auswertung der quantitativen Daten erfolgte deskriptivstatistisch mit SPSS und Excel. Die qualitativen Daten wurden inhaltsanalytisch ausgewertet.

Ergebnis: Der Zugang zu Psychotherapie lässt sich als dreiphasiger Prozess beschreiben: 1) Psychotherapie als Möglichkeit, 2) Suche nach einem Psychotherapieplatz, 3) Gestaltung der therapeutischen Beziehung. Jeder Phase lassen sich Barrieren und zugangserleichternde Aspekte zuordnen: HausärztInnen können durch Diagnostik, sensible Ansprache, Information und Empfehlungen den Zugang besonders in den ersten beiden Phasen erleichtern, PsychotherapeutInnen u. a. durch Aufgeschlossenheit für die Zielgruppe sowie Anpassungen der Psychotherapie in Phase 3. Auf Seiten älterer Menschen sind u. a. Krankheitsmodelle, die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen, die Übertragung der Erwartungen an ärztliche Behandlung auf Psychotherapie, körperliche und kognitive Beeinträchtigungen sowie die Folgen der Erkrankung zugangsrelevant. Fehlende Psychotherapieplätze und mangelnde Barrierefreiheit wurden perspektivenübergreifend als Zugangshürden problematisiert. Eine Kooperation von HausärztInnen und PsychotherapeutInnen und der Brückenschlag zu Akteuren der offenen Altenhilfe wurden als förderlich angesehen.

Schlussfolgerung: Eine Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung älterer Menschen mit depressiven Erkrankungen erfordert weitere Bemühungen zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen und die Förderung einer engeren Kooperation der am Versorgungsgeschehen beteiligten Professionen.

15:50
Sucht im Alter - Bedarfslagen und Vorsorgungslücken
S28-08-02 

K. Kammerer, K. Falk; Berlin

Einleitung: Das Thema „Sucht im Alter“ hat in den letzten Jahren zunehmend an Aufmerksamkeit gewonnen. Wie sich die Lebenssituationen und Bedarfslagen der heterogenen Zielgruppen suchtmittelabhängiger älterer Menschen im Einzelnen darstellen, welche Versorgungsangebote von ihnen in Anspruch genommen werden und wo Versorgungsprobleme und -lücken bestehen, ist bisher jedoch wenig bekannt. Der Vortrag präsentiert Ergebnisse einer vor diesem Hintergrund durchgeführten Studie zu  Lebens- und Betreuungssituationen über 55-jähriger alkohol- bzw. drogenabhängiger Menschen in Berlin.

Methode: Insgesamt 29 leitfadengestützte Interviews wurden geführt, davon 23 Interviews mit ExpertInnen aus Sucht- und Altenhilfe sowie sechs mit älteren abhängigkeitserkrankten Menschen. Die Auswertung erfolgte inhaltsanalytisch nach Mayring. Weiterhin wurden statistische Daten und Berichte sowie Daten einer Sonderauswertung der Berliner Suchthilfestatistik einbezogen.

Ergebnisse: Insgesamt zeigte sich, dass das Alter insbesondere für langjährig abhängigkeitserkrankte Menschen viele Herausforderungen birgt. Diese können das Risiko einer (weiteren) Verschlechterung der sozialen, finanziellen und gesundheitlichen Situation mit sich bringen, wenn Kompensationsmöglichkeiten fehlen. Ansatzpunkte für eine bessere Versorgung dieser Gruppe finden sich an vielen Stellen des Sucht-, Altenhilfe und Versorgungssystems. Vorhandene Angebote sind nicht ausreichend bekannt. Es besteht ein Bedarf an Angeboten für spezifische Zielgruppen (z. B. für abhängige Frauen mit psychischen Erkrankungen  oder Personen mit anhaltendem Konsum).

Schlussfolgerungen: Eine Verbesserung von Schnittstellen, die eine nahtlose Versorgung ermöglichen sowie eine engmaschigere, kontinuierliche Begleitung, insbesondere für schwer betroffene Abhängige, können den Zugang zu Beratung sowie medizinischer und pflegerischer Versorgung erleichtern. Eine stärkere Vernetzung und Sensibilisierung der verschiedenen Akteure, die mit älteren abhängigen Menschen in Berührung kommen, ebenso wie ein stärkerer Austausch zwischen der Sucht und Altenhilfe, wären sinnvoll.

16:10
Gesundheitliche Ungleichheit im Kontext von Menschen mit einer so genannten geistigen und / oder mehrfachen Behinderung im Alter: Einschätzung der gesundheitlichen und pflegerischen Bedarfe im Zuge des Älterwerdens von Menschen mit einer so genannten geistigen und / oder mehrfachen Behinderung in Wohneinrichtungen der Eingliederungshilfe aus Sicht der Betroffenen
S28-08-03 

L. Stölting, J. Greskötter, M. Hasseler; Wolfsburg

Einleitung: In den letzten Jahrzenten gleicht sich die Lebenserwartung von Menschen mit Behinderung an die der Gesamtbevölkerung an.
Die Einrichtungen der Eingliederungshilfe können den veränderten pflegerischen und gesundheitlichen Bedarfen des älterwerdenden Personenkreises meist nicht gerecht werden. Finanzielle Mittel werden im Spannungsfeld der unterschiedlichen Kostenträger unzureichend bereitgestellt. Der Personenkreis erhält nachweislich weniger präventive, kurative und rehabilitative Gesundheitsmaßnahmen und weist eine erhöhte Morbiditäts- und Mortalitätsrate auf.

Fragestellung: Wie erfahren die Menschen mit Behinderung / die Mitarbeiter der Wohneinrichtungen der Eingliederungshilfe die veränderten gesundheitlichen und pflegerischen Bedarfe im Zuge des Älterwerdens?

Methodik: Es wurde ein explorativer qualitativer Zugang gewählt. Ein Schwerpunkt bildet die Befragung der Menschen mit Behinderung in Wohneinrichtungen der Eingliederungshilfe.
Es wurde ein offenes leitfadengestütztes Interview entwickelt. Die Fragen sind in leichter Sprache formuliert und werden mit Fotos sowie Bildkarten unterstützt.
Die Auswertung findet auf der theoretisch-methodischen Grundlage des Lebenslage-Konzeptes und der Personen-Umfeld-Analyse statt.

Ergebnisse: Es werden förderliche und hemmende Bedingungen bezüglich der pflegerischen und gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit Beeinträchtigung im Zuge des Älterwerdens in Einrichtungen der Eigliederungshilfe sowie bei sektorenübergreifenden Maßnahmen identifiziert.

Diskussion: Es existiert bisher kein standardisiertes Instrument, um die gesundheitlichen und pflegerischen Bedarfe der älterwerdenden Menschen mit Beeinträchtigung adäquat ermitteln und bedarfsgerechte Unterstützungsmaßnahmen realisieren zu können. Unabdingbar bei der Entwicklung eines entsprechenden Begutachtungsinstruments ist die aktive Teilhabe des betroffenen Personenkreises.

Praktische Implikation: Es soll ein Einschätzinstrument entwickelt werden, was systematisch, fortlaufend und unter aktiver Partizipation der betroffenen Personen den gesundheitlichen und pflegerischen Bedarf von Menschen mit Beeinträchtigung differenziert abbildet und auf dessen Grundlage bedarfsgerechte Unterstützungsmaßnahmen abgeleitet werden können.

16:30
Menschen mit Demenz im Krankenhaus - Vergleich eines Modellkonzepts mit der Regelversorgung
S28-08-04 

D. Lüdecke, C. Kofahl; Hamburg

Einleitung und Fragestellung: Der Großteil der Akutkrankenhäuser ist für Menschen mit Demenz nicht optimal vorbereitet. Demenzerkrankungen sind häufig Grund für den Einsatz freiheitsentziehender Maßnahmen oder ruhig stellender Medikamente. Das kann zur Verschlechterung des Gesundheitszustandes (z.B. als Folge von Stürzen und Delir) der Patienten führen. Daher wird in einem Hamburger Krankenhaus das Konzept einer Spezialstation erprobt, um diesen Problemen zu begegnen. Folgende Fragen werden behandelt: (1) Welche Faktoren hängen mit Sturzhäufigkeit und Fixierungsmaßnahmen von Patienten zusammen? (2) Bietet eine Spezialstation Vorteile gegenüber der Regelversorgung von Patienten mit Demenz?

Methoden: In zwei Hambuger Krankenhäusern (Intervention = Spezialstation, Kontrolle = Regelversorgung) wurden über einen Zeitraum von 12 Monaten Daten von je ca. 300 Patienten mittels eines umfassenden Assessments (u.a. Barthel-Index, MMSE, QualiDem, PAS, Medikation, ...) durch geschulte Study Nurses erhoben. Mit Hilfe von Regressionsmodellen wurden Zusammenhänge zwischen Sturzhäufigkeit, Fixierungsmaßnahmen und verschiedenen Prädiktoren (Alter, Barthel-Index, Demenz-Schweregrad, Delir-Status, Multimorbidität) analysiert und zwischen den Krankenhäusern verglichen.

Ergebnisse: Sturzhäufigkeiten unterscheiden sich kaum zwischen den Krankenhäusern (9% vs. 10%), Fixierungsmaßnahmen hingegen sehr deutlich: In 65% der Fälle in der Interventionsgruppe wurden Patienten nie fixiert, während es nur 44% in der Kontrollgruppe waren. Verweildauer, Barthel-Index und Patientenalter erweisen sich allgemein als auffälligste Prädiktoren.

Schlussfolgerungen: Bei ähnlichen Patientenprofilen in den Krankenhäusern zeigt sich, dass erhöhte Sturzgefährdung eher kein Problem der Regelversorgung ist. Mangelnde Versorgungsqualität lässt vor allem anhand der Häufigkeit von Fixierungsmaßnahmen erkennen. Ein Konzept zur besonderen Versorgung von Patienten mit Demenz ermöglicht eine verbesserte Versorgung dieser Klientel.

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