Donnerstag, 28.09.2017

13:30 - 15:00

N 106

S28-02

Session: Gesundheitsversorgung pflegebedürftiger Menschen

Moderation: K. Hämel, Bielefeld

13:30
Zahnmedizinische Versorgung älterer Menschen mit Pflegebedarf – eine Bedarfsermittlung
S28-02-01 

V. Leve, D. Lubisch, D. Niesten, A. Gerritsen, N. Creugers, M. Hoffschulte, T. Heyer, N. Bakker, F. Hanneken, C. Pilgrim; Düsseldorf, Nijmegen/NL, Nieuwegein/NL, Münster

Hintergrund

Die zahnmedizinische Versorgung von pflegebedürftigen Menschen kann als problematisch bezeichnet werden. Mit zunehmendem Alter werden Risiken der Zahngesundheit verstärkt bspw. durch Multimorbidität, Einschränkungen der Kognition und der Mobilität. Schlechte Mundhygiene bei älteren Pflegebedürftigen hat Auswirkungen nicht nur auf Allgemeingesundheit, sondern beeinträchtigt auch deren Lebensqualität. Das Projekt „Zahnärztliche Versorgung älterer Menschen mit Pflegebedarf“ zielt daher darauf ab, regionale Versorgungsansätze zur Verbesserung der Versorgungssituation dieser vulnerablen Patientengruppe zu entwickeln. Gefördert wird das Projekt im Programm INTERREG Deutschland Nederland.

Fragestellung

Welche Herausforderungen in der zahnmedizinischen Versorgung lassen sich aus Sicht der beteiligten Akteure ermitteln? Wie lässt sich die Versorgung pflegebedürftiger Älterer an der Schnittstelle zwischen pflegerischer, hausärztlicher und zahnmedizinischer Versorgung verbessern?

Methoden

Die Ermittlung von Barrieren und Bedarfen erfolgt im Rahmen einer Experten/-innen-Befragung. Mittels leitfadengestützter Interviews werden Pflegekräfte, Zahnärzte/innen und Hausärzten/innen, pflegende Angehörige sowie Patienten/innen befragt. Die Interviews werden digital aufgezeichnet, transkribiert und computergestützt ausgewertet (MAXQDA).

Ergebnisse

Die Auswertungen der Experten/innen-Interviews werden bis zur  Jahrestagung vorliegen. Es ist zu erwarten, dass sich aus den Ergebnissen konkrete Bedarfslagen von pflegebedürftigen Patienten/innen und deren Angehörigen zur Unterstützung bei der Mundhygiene und dem Zugang zur Versorgung ableiten lassen. Auch in Bezug auf den Austausch und die Zusammenarbeit von Hausärzten/innen und Zahnärzte/innen zur Verbesserung der Inanspruchnahme zahnmedizinischer Leistungen wird die Befragung zentrale Erkenntnisse liefern.

Diskussion

Da vor dem Hintergrund des demographischen Wandels ein Anstieg an Pflegebedürftigen zu erwarten ist, gilt es tragfähige und nachhaltige Versorgungskonzepte zu entwickeln. Im Austausch mit niederländischen Partnern/innen setzt das Projekt dabei auf die bedarfsorientierte Stärkung von Versorgungskonzepten für die Grenzregion Rhein-Waal.

13:50
Organisationsbezogene Determinanten der Gewichtsabnahmen von Bewohnern in stationären Altenpflegeeinrichtungen
S28-02-02 

J. Zimmermann, H. Pfaff, H. Kelleter; Köln

Hintergrund: Internationale Forschung zu Determinanten der Pflegequalität zeigt, dass organisationale Struktur einer Pflegeeinrichtung mit Gesundheitszustand ihrer Bewohner im Zusammenhang steht (Castle et al. 2008, Dyck 2007). Diese Verbindung wurde bisher in Deutschland nicht untersucht. Ziel dieser Studie ist zu diesem Dialog mit deutschen Daten beizutragen.

Fragestellung: Mangelernährung ist eines der bekannten Probleme in deutschen Pflegeeinrichtungen (Pauly et al. 2007). Unbeabsichtigter Verlust von über 10% des Körpergewichtes innerhalb von 6 Monaten kann bei Bewohnern zu rapider Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes führen. Daher wählten wir in diesem Beitrag Gewichtsverlust als Indikator der Pflegequalität und untersuchten wir seinen Zusammenhang zu organisationalen Merkmalen von Pflegeeinrichtungen.

Methode: Für Analysen wurden Ergebnisse des Projektes EQisA (Kelleter 2017) genutzt. Es wurden logistische Regressionsmodelle auf Einrichtungsebene berechnet. Dabei wurde unbeabsichtigter Gewichtsverlust bei Bewohnern mit keiner oder leichter kognitiver Beeinträchtigung (Bewohner mit niedrigem Risiko = BNR) und unbeabsichtigter Gewichtsverlust bei Bewohnern mit mindestens erheblicher kognitiver Beeinträchtigung (Bewohner mit hohem Risiko = BHR) in separaten Modellen betrachtet. Eingeschlossen wurden alle Pflegeeinrichtungen, die den Indikator erhoben haben; insgesamt 166 Einrichtungen mit Erfassung von Gewichtsabnahmen bei 8 665 Bewohnern.

Ergebnisse: Gewichtsverluste bei BNR waren positiv assoziiert mit folgenden Prädiktoren: Bewohneranzahl pro Pflegefachkraft, Bewohneranzahl pro Betreuungskraft, Gruppengroße von BNR und Belegungsquote pro Einrichtung. Der Gewichtsverlust bei BHR stand in signifikantem negativem Zusammenhang mit Belegungsquote.

Diskussion: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Gewichtsverlust nur bei BNR mit mangelnder personaler Ausstattung und mit Bewohnerstruktur in Zusammenhang steht. Gewichtsabnahmen bei BHR konnten wir mit unseren Daten nicht ausreichend erklären. Die Ergebnisse unterliegen einigen Beschränkungen. Da es sich um eine auf Einrichtungsebene analysierte Querschnittstudie handelt, bleibt die Bewohnerebene unberücksichtigt. Außerdem war die Teilnahme am Projekt EQisA für Einrichtungen freiwillig, was zu Verzerrung der Ergebnissen führen konnte. Daher sind keine Generalisierungen außerhalb der Studieneinheiten möglich.

14:10
Unterschiedliche Rehabilitationsbedarfe im Pflegeheim: eine Frage des Geschlechts?
S28-02-03 

L. Köhler, H. J. Janßen, M. Warnach, R. Siegert, M. Schmidt-Ohlemann, F. Naumann, J. W. Kraft, J. C. Behrens; Bremen, Berlin, Bad Kreuznach, Woltersdorf, Coburg, Frankfurt a. M.

In einer vom BMG geförderten multizentrischen Studie zum potentiellen Rehabilitationsbedarf in der stationären Langzeitpflege wurden 622 Personen aus 15 Einrichtungen untersucht. Der Frauenanteil lag bei 75 %, das Alter im Mittel 84 +/- 8.7 Jahre. Der durchschnittliche Bedarf an Rehabilitation wird mit 23 % angegeben. Eine stratifizierte Analyse zeigt, dass für Männer in Langzeitpflege häufiger eine Rehabilitationsempfehlung gegeben werden konnte als für Frauen (29 % vs. 20,4 %).

Zwar ist der Status nach Krankenhausaufenthalt oder eine rehabilitationsrelevante Diagnose wie ein Schlaganfall mit Hemiparese häufiger bei Bewohnern beobachtet– doch die Bedürftigkeit, also Schädigungen, die Aktivitäten und Teilhabe bedrohen und grundsätzlich einer Therapie mit multimodalem Ansatz zugänglich sind, ist nicht signifikant verschieden. Auch der Pflegebedarf gemessen in Pflegestufen ist vergleichbar. Das mediane Alter der Bewohnerinnen liegt 7 Jahre über dem der Bewohner. Eine dabei häufiger diagnostizierte Demenz der rehabedürftigen Bewohnerinnen beeinflusst die Rehabilitationsfähigkeit negativ, ebenso wie Zielformulierung und positive Prognose. 75 % (vs. 85 % der rehabedürftigen Männer) werden als physisch und psychisch belastbar und mobil genug für eine komplexe Maßnahme eingeschätzt. Wiederum die gleiche Geschlechterdifferenz zeigt sich in der Motivierbarkeit für eine rehabilitative Maßnahme bei bestehender Rehabilitationsfähigkeit. Eine Beharrungstendenz zeigt sich insbesondere bei den Bewohnerinnen.

Männer und Frauen im Pflegeheim erfahren heterogene Belastungs- und Lebenssituationen mit unterschiedlichen Perspektiven In Bezug auf Rehabilitation.

14:30
Ein Konzeptionsvorschlag für die Evaluationen der Pflegeberatung nach § 7a SGB XI
S28-02-04 

P. Michell-Auli; Bremen

Ab 2020 besteht nach § 7a SGB XI die gesetzliche Verpflichtung, Pflegeberatungen unter wissenschaftlicher Begleitung zu evaluieren. Bislang fehlt es an einem breiten Konsens, mit welchem grundlegenden Konzept evaluiert werden soll. Ein solche breitere Übereinstimmung würde es ermöglichen, Evaluationsergebnisse besser vergleichen und somit besser strukturelle Defizite im System der Pflegeberatung aufzeigen zu können. Mit diesem Ziel soll die Konzeption, mit der die APOLLON Hochschule die compass private pflegeberatung 2016 evaluiert hat, analysiert werden. Die Evaluation basiert auf der schriftlichen Befragung von 645 beratenen Personen, die zuvor eine Vor-Ort Beratung erfuhren. Im Rahmen der Analyse werden die ausgewerteten inhaltlichen und methodischen (wie die geringe Varianz der Daten) Erfahrungen vorgestellt und auf dieser Basis ein modifiziertes Evaluationskonzept vorgeschlagen.

Die durchgeführte Evaluation hatte das Ziel, die Ergebnisqualität der Beratungen abzubilden. Hierzu wurden einzelne Qualitätsdimensionen wie Beziehungsqualität, Kommunikationsqualität und Lösungskompetenz definiert und in den Zusammenhang mit der klassischen Ergebnisqualitätsvariable „Wahrscheinlichkeit der Weiterempfehlung“ gesetzt. Insgesamt wurde von den Rat- und Hilfesuchenden eine sehr hohe Dienstleistungsqualität bescheinigt. Trotz der sehr hohen Beratungsqualität wurden Weiterentwicklungsbedarfe identifiziert. So wurden beispielsweise im Rahmen einer Clusteranalyse „Kundengruppen“ bestimmt, mit deren Hilfe die Beratungsqualität weiterentwickelt werden kann. Hier wird auch die Notwendigkeit deutlich, bei zukünftigen Evaluationen den Migrationshintergrund der Rat- und Hilfesuchenden zu erfassen. Ebenso konnte gezeigt werden, dass auch compass – wie wahrscheinlich auch viele der gesetzlichen Pflegekassen, die entsprechende Beratungen durchführen – vor der Aufgabe steht, ihr lokales Wissen in der Beratung zu stärken. Hierbei geht es sowohl darum, vorhandene formelle Angebotsstrukturen vor Ort besser zu kennen als auch Zugang zu spezifisch lokalem Wissen zu erschließen, so dass es beispielsweise möglich ist, auf engagierte Einzelpersonen hinzuweisen bzw. in Versorgungssettings einzubinden (siehe hierzu beispielsweise § 45c Abs. 3a SGB XI).

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