Donnerstag, 28.09.2017

15:30 - 17:00

N 018

S28-09

Session: Hochaltrigkeit

Moderation: S. Zank, Köln

15:30
Morbiditätsentwicklung Hundertjähriger über die sechs Jahre vor Ihrem Tod
S28-09-01 

P. Gellert, A. Kuhlmey, D. Dräger; Berlin

Hintergrund: Hundertjährige scheinen an einer geringeren Zahl von Erkrankungen zu leiden, verglichen mit jüngeren Kohorten hochaltriger Menschen, aber Forschung zu diesem Thema ist noch spärlich. Wir nehmen an, dass die Anzahl der Erkrankungen bei Personen, die im Alter von hundert Jahre und älter verstarben niedriger und der Zuwachs in den letzten Jahren vor dem Tod flacher ist, im Vergleich zu denjenigen, die mit 90-99 Jahren oder 80-89 Jahren starben.

Methoden: Diese Kohortenstudie verwendet Routinedaten der Krankenkasse mit vollständigen Informationen über Diagnosen und Gesundheitsversorgung für 6 Jahre vor dem Tod. Die Stichprobe (N = 1.398; 34.735 Personen-Kalenderquartale) bestand aus drei Gruppen von Individuen; diejenigen, die als Hundertjährige starben, wurden mit Stichproben von Individuen verglichen, die in ihren 80ern oder 90er Jahren starben. Zuhause Lebende und institutionalisierte Personen wurden eingeschlossen.

Ergebnisse: Im Quartal vor dem Tod hatten Menschen, die als Hundertjährige verstarben im Durchschnitt 3,3 Erkrankungen im Vergleich zu 4,6 Erkrankungen bei denen, die als Achtzigjährige starben. Weiterhin zeigte sich eine signifikante Zeit-bis-Tod x Alter-bei-Tod-Interaktion zwischen den Gruppen (B=-03, p<0,001), wobei die Hundertjährigen eine weniger steile Zunahme der Anzahl der Erkrankungen in den letzten 6 Jahren vor dem Tod, im Vergleich zu den Vergleichsgruppen jüngeren Alters zeigten.

Schlussfolgerungen: Die niedrigere Anzahl von Erkrankungen bei Personen, die als Hundertjährige, verglichen mit denen, die in einem jüngeren Alter gestorben sind, ist im Einklang mit der Kompression der Morbiditätshypothese und unterstreicht die Vorstellung von Hundertjährigen als selektive Gruppe.

15:55
Lebensstile im hohen Alter - Eine qualitative Analyse
S28-09-02 

L. Geithner; Köln

Bourdieu beschreibt Lebensstile als klassenspezifische Muster des Geschmacks und kulturellen Verhaltens. Strukturierend wirken dabei das verfügbare ökonomische und kulturelle Kapital. Das Alter spielt jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Eine zeitliche Perspektive ist durch die Laufbahn integriert. Dabei ist vor allem die frühe Sozialisation im Elternhaus für die Ausprägung eines klassenspezifischen Lebensstils entscheidend, der dann wie der Habitus über den Lebenslauf relativ stabil erscheint.

Offen ist bisher, wie stabil der Lebensstil tatsächlich ist und ob kulturelle Praktiken auch im Alter vor allem durch ökonomisches und kulturelles Kapital strukturiert werden. Anzunehmen ist, dass Lebensstile je nach Lebensphase variieren. Selten wird hierbei jedoch das hohe Alter fokussiert. Dieses stellt eine besondere Herausforderung dar: Gesundheitliche Beeinträchtigungen, Institutionalisierung oder der Tod nahestehender Personen können den Handlungsspielraum einschränken.

Um Lebensstile im hohen Alter stärker zu differenzieren sowie die Bedeutung der aktuellen Lebenssituation und des vorangegangenen Lebenslaufs für die Dynamik von Lebensstilen herauszuarbeiten, wurden achtzehn halbstrukturierte problemzentrierte Interviews mit privat sowie institutionalisiert wohnenden Personen ab 80 Jahren aus Nordrhein-Westfalen durchgeführt. Folgende Forschungsfragen waren dabei leitend: Wie heterogen sind Lebensstile im hohen Alter? Wie wirken sich Veränderungen der Lebenssituation im hohen Alter aus und welche Bedeutung haben soziale Herkunft und Lebensverlauf? Welche Funktionen erfüllen Lebensstile? Neben Aktivitäten in der freien Zeit wurde der Geschmack analysiert.

Erste Ergebnisse weisen auf eine Vielfalt von Lebensstilen. Es zeigt sich eine starke Beeinflussung durch den Gesundheitszustand, aber auch durch das soziale, familiäre Netzwerk sowie den ehemaligen Beruf. Eine Differenz zwischen privat und institutionalisiert Wohnenden zeichnet sich bei den wahrgenommenen Handlungsspielräumen ab. Wesentliche Verhaltensmuster, häufig biographisch verankert, werden versucht trotz Pflegebedürftigkeit oder Institutionalisierung beizubehalten oder zurückzugewinnen.

16:20
Umfragebeteiligung und Repräsentativität einer Meldeamtsstichprobe privat und institutionell wohnender hochaltriger Menschen – Befunde der NRW80+ Machbarkeitsstudie
S28-09-03 

R. Kaspar; Köln

Hintergrund In der Umfrageforschung gelten Personen im hohen und höchsten Lebensalter als ein schwer zu befragendes Segment der Allgemeinbevölkerung. Eingeschränkt auskunftsfähige Menschen und Personen, die in Pflegeeinrichtungen leben, werden aus einigen der zentralen sozialwissenschaftlichen Studien prinzipiell ausgeschlossen. In den letzten Jahren ist das Bewusstsein für die mögliche Verzerrung der Studienbefunde durch den systematischen Ausschluss dieses substanziellen Teils der schnell anwachsenden Gruppe hochaltriger Menschen gestiegen. Dennoch fehlt es gegenwärtig an veröffentlichten Befunden zur Erreichbarkeit, Teilnahmebereitschaft und Auskunftsfähigkeit insbesondere sehr alter Menschen sowie zur Verfügbarkeit und Qualität von Proxyauskünften.

Methode Insgesamt 1.800 zufällig aus den Melderegistern von 6 Gemeinden in Nordrhein-Westfalen gezogene Personen im Alter ab 80 Jahren wurden zunächst schriftlich über die Studie informiert und anschließend, in der Regel durch Hausbesuche, persönlich kontaktiert. Insgesamt konnten 476 computerassistierte Interviews zur individuellen Lebenssituation hochaltriger Personen, zu ihren Kommunikationsanforderungen und –bedürfnissen sowie zu motivationalen und organisatorischen Bedingungen für eine Studienbeteiligung geführt werden.

Ergebnisse Insgesamt wurde eine Responserate von 26,5 Prozent erreicht. Die Beteiligungsquoten lagen bei Personen in Pflegeeinrichtungen und in den höheren Altersgruppen nicht systematisch niedriger. Eine Teilnahmeentscheidung wurde in 45,5 Prozent der Fälle bereits beim persönlichen Erstkontakt getroffen. Die Einbeziehung von Personen aus Heimen erwies sich dagegen als zeitlich deutlich aufwendiger. Der Anteil sehr alter Personen (90+) und der Heimbevölkerung kann nur durch eine Berücksichtigung von Proxyinterviews angemessen repräsentiert werden. Frauen zwischen 80 und 84 Jahren besitzen ein höheres Risiko unterrepräsentiert zu sein, da diese Gruppe eine etwas höhere Verweigerungsrate aufwies, und bei unzureichender Auskunftsfähigkeit seltener nahestehende Personen für Proxyauskünfte verfügbar waren. Die Ergebnisse zeigen bislang weitgehend ungenutzte Spielräume aber auch Grenzen für eine Steigerung der Generalisierbarkeit von Aussagen zur Lebenssituation sehr alter Menschen auf.

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