Freitag, 29.09.2017

14:15 - 15:45

N 018

S29-16

Session: Kritische Lebenslagen?

Moderation: K. Falk, Berlin

14:15
„Ich kann sehr gut alleine sein“ - Eine biographische Rekonstruktion von Kinderlosigkeit zwischen Ambivalenz und Freiraum
S29-16-01 

K. Alert, S. Zank, F. Oswald; Köln, Frankfurt a. M.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Zahl kinderlos alternder Menschen (vgl. Wippermann 2014, Statistisches Bundesamt 2013) stellt sich die Frage nach deren Blick auf das eigene Alter(n) ohne Kinder. Das freiwillige oder unfreiwillige Leben ohne Kinder erweist sich als äußerst vielschichtig und ist insbesondere aus einer Lebenslaufperspektive nach wie vor kaum hinreichend untersucht. Kinderlose Ältere werden in der Forschungstraditionen der Gerontologie entweder aus einer Defizitperspektive betrachtet (vgl. Dykstra & Hagestad 2007) oder als Vertreter*innen eines erfolgreichen Alter(n)s hervorgehoben (vgl. Cwikel, Gramtonev & Lee 2005). Ein rekonstruktiver, biographischer Zugang bietet die Möglichkeit, differenziertere subjektive Wahrnehmungen nachzuzeichnen sowie bei diesem normativ aufgeladenen Thema die Verschränkung von individueller und gesellschaftlicher Perspektive auf dieses Phänomen abzubilden.

In dem vorliegenden Beitrag sollen Befunde eines Promotionsprojektes vorgestellt werden. Es wurden narrative Interviews mit kinderlosen und alleinstehenden Älteren (N=8, Ø 73,3 Jahre alt) geführt, die mit der biographischen Fallrekonstruktion (vgl. Rosenthal 2014) ausgewertet werden. Am Beispiel einer Fallrekonstruktion werden die biographische Komplexität sowie der Prozess des „Erwerbs“ von Kinderlosigkeit aufgezeigt. So wird in diesem Fallbeispiel ein Changieren zwischen Lebensphasen mit dem Fokus auf sich selbst und beispielweise die berufliche Weiterentwicklung sowie Phasen von care-Tätigkeiten und gesundheitlichen Einschränkungen sichtbar. In der rückblickenden Betrachtung ihres eigenen Lebens zeigen sich Freiräume und Abhängigkeiten, die auch in der Lebensphase Alter(n) eine Rolle spielen und mit dem Begriff Ambivalenz (z.B. Lüscher & Haller, 2016) gefasst werden können. Der Umgang mit dieser Ambivalenz wird exemplarisch diskutiert.

Dieser Beitrag kann zu einem differenzierteren Verständnis von Kinderlosigkeit als Prozess beitragen und die biographische Genese des Alter(n)serlebens aufzeigen.

14:35
Das andere Scheitern der Ostdeutschen- ein kulturspezifisches Phänomen der Generation 65 plus?
S29-16-02 

H. A. F. Kunz; Cottbus

In einer mit vielen  Entwicklungsmöglichkeiten optionierten Gesellschaft, ist Erfolg eine individuelle Leistung. Es können mit multiplen Handlungsmöglichkeiten  persönliche Lebensziele selbst gestaltet und erreicht werden. Jedoch birgt der Erfolg auch die Gefahr des individuellen Scheiterns. In der deutschen Scheiternskultur bedeutet das, Verfügbarkeiten zu verlieren und das Scheitern persönlich zu verantworten(vgl. Backert, 2004, S.64 ff.).

Scheitern ist die Handlunggsunfähigkeit in Lebensituationen. Die bisherigen Strategien und Handlungsoptionen greifen nicht mehr. Die Grundbedürfnisse des Selbstwertes und der Orientierung (vgl. Grawe, 2002, S.327 ff.)  sind in den Situationen des Scheiterns bedroht.  „Deshalb kann Handeln als Scheiternsvermeidung aufgefasst werden“ (Junge, 2004, S.16).

In dem Forschungsprojekt zu meiner Dissertation werden biographisch- narrative Interviews erhoben und der Frage nachgegangen, wie systemkonforme  Bürger der DDR nach der Wiedervereinigung den Herausforderungen einer neuen gesellschaftlichen Ordnung begegneten. Dabei wurden in den Jahren 2016 bis 2017 über Fünfundsechzigjährige (n 27)  befragt, die sich zur Zeit der Wiedervereinigung im Wesentlichen mit den Verhältnissen eines sozialistischen Staates arrangiert hatten.

Meine ersten Analysen zeigen, dass trotz Arbeitsplatzverlust, familiärer Brüche und Wegfall von Privilegien in den biographischen Konstruktionen ein Scheitern oder eine Verlaufskurve  im Sinne einer Handlungsunfähigkeit (vgl. Schütze, 2016, S.117 ff) nicht vorkommt. Können demnach Ostdeutsche nicht scheitern? Oder gibt es eine andere Sicht auf den Verlust von Verfügbarkeiten?

Anhand erster Ergebnisse  möchte ich zu einer Disskusion über ein interessantes Phänomen einer vermeintlich spezifischen ostdeutschen Scheiternskultur anregen.

14:55
Alleinlebende Männer im Alter aus der Sicht öffentlicher, ehrenamtlicher sowie sozialpolitisch engagierter Organisationen in Frankfurt am Main
S29-16-03 

M. Leontowitsch, L. Bulycheva, I. Fooken, F. Oswald; Frankfurt a. M.

Ergebnisse des Mikrozensus 2015 zeigen, dass der Anteil alleinlebender Männer in Deutschland über 65 Jahre sich von 12% in Jahr 1991 auf 28% mehr als verdoppelt hat. Gleichzeitig hat sich der Familienstand von Männern im Alter erheblich verändert, mit einer steigenden Zahl geschiedener, verwitweter und „lediger“ Männer. Bisher gültige Erkenntnisse über die Wirkung lebensgeschichtlich kumulativ erworbener prekärer Lebensbedingungen von älteren Frauen auf der einen Seite und privilegierter bzw. unproblematischer Lebenszusammenhänge von (verheirateten) Männern im Alter auf der anderen Seite müssen neu untersucht werden. So erscheint es fraglich, ob auch zukünftig die für ältere Männer gültige Annahme bestehen bleiben kann, dass ihre Lebenssituation aufgrund höherer Renten und der sozialen Lebenssituation in Partnerschaften relativ stabil und weitgehend emotional befriedigend ist. Ebenso müssen die lange Zeit geltenden Annahmen zu alleinlebenden älteren Männern als Risikogruppe (soziale Isolation, höhere Raten von Mortalität, Suizidalität und psychischen Erkrankungen) neu betrachtet werden. Ziel der vorgestellten Studie ist es die Lebens- und Wohnformen des Alleinlebens bei Männern im Alter hinsichtlich ihrer Relevanz und Konsequenzen für kommunale Strukturen zu untersuchen. In fünf sogenannten Experteninterviews wurden Personen auf der Leitungsebene von Erwachsenenbildung, ambulanter Pflege und Beratungsstellen (z.B. für Personen mit Migrationserfahrung und schwule Männer im Alter) hinsichtlich ihrer Erfahrungen mit und Aufmerksamkeit für alleinlebende Männer im Alter aus unterschiedlichen sozialen Milieus befragt. Die Ergebnisse der Experteninterviews zeigen, dass der potentielle Hilfebedarf von alleinlebenden Männern im Alter wahrgenommen wird, dass es aber erhebliche Hürden gibt, die Zielgruppe bei der Annahme von Angeboten zu aktivieren. Die Einrichtung von männerspezifischen Angeboten scheint in Bereichen wie Erwachsenenbildung und Beratungssettings vielversprechender zu sein als in Bereichen wie Nachbarschaftshilfe. Biographischen Einflüssen auf die ge- und erlebten Männlichkeiten von alleinlebenden Männern im Alter kommen in der Analyse von Hilfebedarfen ein besonderer Stellenwert zu.

15:15
Verschuldung älterer Menschen in Südbrasilien - eine empirische Studie zu möglichen Ursachen
S29-16-04 

J. Doll, C. Stumpf Buaes, E. Schmitz; Porto Alegre/BR

In Brasilien nehmen zunehmend ältere Menschen Bankkredite auf, welche bei den hohen Schuldzinsen schnell zu einer Überschuldung führen und die Kreditnehmer in finanzielle Notlagen bringen. In dieser Situation ist Handlungsbedarf notwendig, sowohl von juristischer Seite im Sinne eines verbesserten Verbraucherschutzes, als auch von pädagogischer Seite in Form einer angemessenen Finanzbildung für ältere Menschen. Dazu ist es aber notwendig, mehr über die Gründe der Verschuldung zu wissen.

Die vorliegende Studie geht dieser Frage nach, indem sie in 7 verschiedenen Städten des Bundeslandes Rio Grande do Sul (Südbrasilien) insgesamt 406 ältere Menschen zu Fragen ihrer finanziellen Situation befragte, sowie Fragebogen zur Bedeutung des Geldes, zum Materialismus und zu Tendenzen der Verschuldung vorlegte. 

Die Ergebnisse zeigen auf, dass Verschuldung ein komplexes Phänomen darstellt. Insgesamt ergab sich, dass unter älteren Menschen der Materialismus gering ausgeprägt ist. Dem Geld werden sehr unterschiedliche Bedeutungen zugewiesen, welche jedoch eher auf Sozial- und Einkommensunterschiede hinweisen, weniger auf eine Verschuldung selbst. Interessant ist, dass Einkommen und Schulbildung nur minimalen Einfluss auf die Verschuldung besitzen. Ein deutlicher Zusammenhang ergibt sich allerdings zwischen der Fähigkeit, Wünsche auf einen späteren Zeitpunkt verschieden zu können und der Tatsache, keine Schulden zu haben. Schliesslich zeigen sich deutliche kulturelle Einflüsse. Häufige Gründe für Schulden sind einschneidende Lebensereignisse wie Krankheit, Unfall, Arbeitslosigkeit und Tod in der Familie. Es zeigt sich auch, dass viele ältere Menschen Kredite für Freunde oder Familienangehörige aufnehmen. Insgesamt bestehen bei den Älteren nur sehr vage Vorstellungen über Geld- und Kreditwesen. Die Ergebnisse der Studie können einer angemessenen Finanzbildung für ältere Menschen beitragen. 

 

 

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