Freitag, 29.09.2017

12:00 - 13:30

N 101

S29-13

Session: Migration - Pflegende und Gepflegte

Moderation: S. Strumpen, Berlin

12:00
Heimische 24 Stunden- Betreuung durch Migrantinnen als Versorgungsrealität. Die Heterogenität der Betreuungsqualität in Abhängigkeit des finanziellen Vermögens.
S29-13-01 

J. Kiekert; Freiburg

Theoretischer Hintergrund:
Zunehmend mehr Pflegebedürftige und ihre Angehörigen favorisieren die heimische Versorgung durch Migrantinnen aus Mittel- und Osteuropa. Im Projekt EUMIP, finanziert vom BMBF in der SILQUA-Förderlinie Laufzeit 11/2014- 09/2017, wurde untersucht, wie die Arrangements entstehen und welcher Personenkreis sie realisieren kann. Hierbei konnten Erkenntnisse generiert werden, die die Lebenswirklichkeit und Herausforderungen im Miteinander der Akteure im häuslichen Setting bestehend aus, Migrantinnen, Pflegebedürftigen und Angehörigen darstellen. Die Heterogenität des Alters zeigt milieubedingte Spezifika in der Ausgestaltung der Betreuungsmöglichkeit. Es konnte festgestellt werden, dass diese Versorgungsform für vermögende Klientel primär zu realisieren ist, hier lässt sich an Blinkert/ Klie (2008) anschließen.

Methode:
Das Projekt EUMIP agierte mit einem Mehrebenenansatz in Freiburg im Breisgau und in Frankfurt/Main. Es wurden leitfadengestütze Interviews mit Migrantinnen(n=11), Angehörigen(n=4) und PflegedienstmitarbeiterInnen (n=11) geführt. Zudem erfolgten quantitative Befragungen, einerseits von Fachstellen in den Modellregionen (Migration, Soziale Arbeit, Pflegestützpunkte (n=10)) und andererseits eine bundesweite online- Befragung von Vermittlungsagenturen (N=173).

Ergebnisse:
Das Einholen diverser Perspektiven ermöglichte die Generierung eines komplexen Abbildes der Realität in der ambulanten Betreuung und Versorgung. Ausgehend von den Studienergebnissen wurde deutlich, dass das Setting nur für die Mittel- und Oberschicht der Gesellschaft zu realisieren ist.

Diskussion:
Die Ergebnisse machen deutlich, dass die Qualität der Betreuung und Versorgung im Alter unmittelbar verknüpft ist mit finanziellen Ressourcen. Zur Diskussion steht daher ob eine stationäre Versorgung im Altenheim somit unausweichliches Los für Personen mit niedrigen Einkommen ist und die Zwei- Klassen- Pflege unausweichlich wird/ist? Und ob das vermeintliche Kompensieren struktureller und sozialpolitischer Defizite durch Migrantinnen zielführend ist.

12:25
Informelle Pflege und Gesundheit pflegender Migranten in Europa: Welche Rolle spielen der Länderkontext und die Herkunft?
S29-13-02 

J. Kaschowitz; Dortmund

Diese Untersuchung nimmt den Zusammenhang von informeller Pflegetätigkeit und Gesundheit für Migranten in Europa in den Blick. Obwohl die Gruppe der Migranten schnell altert und damit häufig von Pflege betroffen sein wird, ist darüber bisher wenig bekannt. Empirische Ergebnisse, überwiegend aus den USA, deuten an, dass pflegende Migranten gegenüber der pflegenden Mehrheitsbevölkerung eine bessere mentale, aber schlechtere körperliche Gesundheit haben. Diverse theoretische Ansätze lassen auch für Europa Unterschiede zwischen Pflegenden aus diesen Bevölkerungsgruppen erwarten. Zum einen dadurch, dass Migranten andere Normen und Werte hinsichtlich Pflege haben und zum anderen dadurch, dass sie häufiger sozioökonomisch benachteiligt sind. Gleichzeitig sind auch Unterschiede zwischen den europäischen Wohlfahrtsstaaten zu erwarten, da manche Länder stark auf die formale Versorgung Pflegebedürftiger setzen, wohingegen andere alleine die informelle Pflege durch Angehörige fördern. Mittels der Daten des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) wird zunächst der Zusammenhang zwischen informeller Pflegetätigkeit (innerhalb des Haushalts) und (selbst-eingeschätzter und psychischer) Gesundheit separat für Personen mit und ohne Migrationshintergrund untersucht. Daran anschließend werden Länderunterschiede in den Blick genommen. Dabei wird die Rolle der Herkunft sowie des aktuellen Länderkontextes für die Gesundheit pflegender Migranten adressiert. Die Ergebnisse zeigen, dass es keine signifikanten Unterschiede in der Beziehung zwischen informeller Pflegetätigkeit und Gesundheit nach Herkunft gibt. Der Vergleich über die Länder deutet darauf hin, dass Pflegetätigkeiten für Migranten vor allem in konservativen Wohlfahrtsstaaten gesundheitlich belastend sind.

12:50
Herausforderungen und Wandel. Lebenswelten von Familien mit Migrations- und Demenzerfahrungen
S29-13-03 

O. Dibelius, G. Piechotta-Henze; Berlin

Das explorative, multiperspektivische Forschungsprojekt Lebenswelten von demenziell erkrankten Migrantinnen und Migranten türkischer Herkunft und ihre Familien. Eine Untersuchung zu Ressourcen und Belastungen folgte u.a. den Forschungsfragen: Welchen Einfluss hat eine Demenzerkrankung auf die Lebenssituation der betroffenen Menschen, die einst aus der Türkei als sog. Gastarbeiter oder im Zuge der Familienzusammenführung in die Bundesrepublik Deutschland emigriert sind? Welche Auswirkungen zeigen sich in den familiären Lebenswelten aufgrund der Demenz und der damit zunehmend notwendigen Unterstützungs- und Pflegeleistungen?

Angewendet wurde ein Methodenmix, der sich aus Dokumentenanalyse, Experteninneninterviews, problemzentrierte Interviews mit Angehörigen, Einzelfallanalysen und Teilnehmender Beobachtung von Beratungssituationen zusammensetzte.

Die familiären Strukturen und Sichtweisen auf (die eigene) Familie sind auch bei einst migrierten Menschen, ihren Kindern und Enkelkindern einem Wandel und individualisierten Differenzierungen unterzogen.

In besonderem Maße erfordert und führt eine demenzielle Erkrankung eines Familienmitgliedes zu einem Überdenken und „Abstecken“ von sozialen Rollen, von Aufgaben und Beziehungen. Innerfamiliär muss geklärt werden, wer den Part der verantwortlichen Bezugs-, Organisations- und Versorgungs-/Pflegeperson übernimmt. Dies kann mit komplexen Unsicherheiten und Konflikten einhergehen.

Die von Demenz betroffenen älteren Menschen mit Migrationserfahrung und ihre Angehörigen stehen oftmals vor besonderen Herausforderungen und Hürden: Die einst emigrierten Menschen verlieren die deutsche Sprachkompetenz und benötigen für die verbale Kommunikation, solange dies noch möglich ist, eine übersetzende Person an ihrer Seite. Sie selber, aber vor allem die versorgende Kindergeneration sieht sich mit einem unzureichenden Angebot von muttersprachlichen Beratungen, Diagnostikeinrichtungen sowie Versorgungssettings konfrontiert. Oftmals hat dies zur Folge, dass die (pflegenden) Familienangehörigen erst sehr spät oder keine Unterstützung suchen und sich schließlich in überfordernden Lebenssituationen befinden.

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