Freitag, 29.09.2017

14:15 - 15:45

N 206

S29-18

Session: Pflegende Angehörige

Moderation: S. Strumpen, Berlin

14:15
Pflege von Senioren und Generationszusammenhalt – Index Familienzusammenhalt
S29-18-01 

H. Jerabek; Prag/CZ

Wir suchen nach dem eindimensionalen Index Familienzusammenhalt (IFZ) für das Modell Generationensolidarität nach V. L. Bengtson. Man weiß, dass mit steigendem Bedarf und der Notwendigkeit einer persönlichen Pflege eines Senioren die pflegende Familie ihre Fürsorge steigert. [Jerábek 2014] Wir untersuchten Senioren im Alter von 75+, um die sich ihre Kinder (40–65 Jahre) kümmern, und die Hauptpflegeperson befragt. Für diesen Familientyp wiesen wir nach, dass das ursprüngliche Bengtson´sche Modell eindimensional gilt. Wir konstruierten erfolgreich einen Gesamt-IFZ. Unter den tschechischen Familien suchten wir ähnliche Typen wie in den USA [Silverstein, Bengtson 1997] und Holland [Gaalen, Dykstra 2006]. Der tschechische Typ F entspricht dem amerikanischen Typ ‘tight-knit’. Er ist durch Pflege eines Senioren und starke Bindungen in allen Dimensionen gekennzeichnet. Typ A, der nicht pflegt und schwache Bindungen in allen Dimensionen aufweist, ist mit dem Typ ‘detached’ in der Erforschung amerikanischer Familien und auch mit Typ ‘discordant‘ in der holländischen Forschung identisch. Es gibt zwei spezifische Typen tschechischer pflegender Familien. Typ D bezeichneten wir als ‘sozial motivierte Pflege’, er wird charakterisiert durch häufige Kontakte und eine bedeutende Pflege. Pflegemotivation dieser Familien sind häufige Kontakte der Familie mit dem Senioren. Der zweite tschechische Typ E ist ‘emotional motivierte Pflege’. Pflegemotivation sind hier emotionale Bindungen. Notwendige oder bedeutende Pflege der Familie ist vorhanden. Lässt sich der eindimensionale IFZ auch auf weitere Länder anwenden? Es müssen Bedingungen der sozialpsychologischen Theorie erfüllt sein, v. a. dass die Senioren, die von ihren erwachsenen Kindern gepflegt werden, langfristige Pflege benötigen. Ein Test an der Pflegegeneration tschechischer erwachsender Kinder hat die Gültigkeit der Theorie von Bengtson belegt. Jerábek, H. [2014]: Bedürfnisse der Senioren und familiäre Altenpflege – Beispiel des sozialen Zusammenhalts.

In: Amann, A, F. Kolland eds.: Das erzwungene Paradies des Alters? Weitere Fragen an eine Kritische Gerontologie. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer VS 2014, S.149-173.

14:35
Kompetenzerwerb pflegender Angehöriger durch die Teilnahme an einem Betreuten Urlaub
S29-18-02 

J. Heusinger, J. Bartkowski; Berlin

In einem Kooperationsprojekt mit der Alzheimer Gesellschaft Brandenburg e. V. und der Alzheimer Gesellschaft Hamburg e. V. unter Leitung des Instituts für Gerontologische Forschung e. V. (ESPRIT, Laufzeit April 2016 - Januar 2018) werden acht von den kooperierenden Alzheimer Gesellschaften organisierte und durchgeführte Urlaube für pflegebedürftige Menschen und ihre Pflegepersonen (sog. Tandems) evaluiert.

Beide Alzheimer Gesellschaften verfolgen bei der Durchführung der Urlaube ein eigenes Konzept, jedoch gibt es in beiden verschiedene (Präventions-) Angebote für alle (Sport, Entspannung, Information, Spaß usw.) sowie Betreuungs- und Begleitungsmöglichkeiten zur Förderung der Selbstbestimmung der Pflegebedürftigen. Individuell gestaltete Beratung fördert den Informations- und Kompetenzerwerb der pflegenden Angehörigen ebenso wie der informelle Austausch der Mitreisenden untereinander. Dies trägt, so die Erwartung, zur Entlastung dieser vulnerablen Personengruppe und somit zur Stabilisierung der ambulanten Pflegesettings bei. Die Erfassung des individuellen Erlebens der Urlaube, ihrer Auswirkungen auf die Lebensqualität und auf die Stabilität der ambulanten Versorgungssituation der Mitreisenden ist das Ziel des vom Bundesministerium für Gesundheit finanzierten Projektes.

Im folgend dargestellten Mixed-Methods-Design sollen die Sichtweisen und Wirkungen der Urlaube auf die drei Akteure empirisch abgebildet werden. Während der Urlaube werden teilnehmende Beobachtungen, Interviews mit Betroffenen und Gruppendiskussionen mit Angehörigen durchgeführt. Mittels Fragebogenerhebungen zu vier Zeitpunkten über zwölf Monate werden quantitative Daten zu Wirkung und Bewertung erfasst. Zur Abbildung des Arbeitsaufwandes auf Seiten der Urlaubsanbieter wird ferner eine computergestützte Tätigkeitsdokumentation durchgeführt.

Ein spezieller Fokus bei der Auswertung der qualitativen Daten liegt auf der Untersuchung beider Urlaubskonzepte sowie deren unterschiedlicher Wirkung auf die Art des Kompetenzerwerbs bei den pflegenden Angehörigen. Im Einzelbeitrag werden die beiden untersuchten Urlaubskonzepte vorgestellt, Stärken und Schwächen identifiziert sowie deren Wirkung auf den Kompetenzerwerb der mitgereisten pflegenden Angehörigen dargestellt.

14:55
Sozialpolitik und Heterogenität des Alter(n)s- Erste Ergebnisse einer empirischen Studie zu sozialpolitisch vermittelten Handlungsspielräumen pflegender Angehöriger
S29-18-03 

S. Schmitt; München

Die Heterogenität des Alter(n)s ist sozialpolitisch betrachtet noch nicht der „Normalfall“. Anstatt Alter(n) in seiner Vielfalt und Komplexität sozialpolitisch zu adressieren, changiert die Altenpolitik vor dem Hintergrund des aktivierenden Wohlfahrtsstaats zwischen der Aktivierung des Alters und der Regulierung entgrenzter Politikfelder. Dies wird auch mit Blick auf Versorgung in den Pflegehaushalten durch pflegende Angehörige deutlich.  So werden Bedarfe pflegender Angehöriger wie beispielsweise im Rahmen des Familienpflegezeitgesetzes vor allem unter dem Label der ‚Vereinbarkeit von Pflege und Beruf‘ adressiert. Die unterschiedlichen sozialen Lagen der 4-5 Millionen pflegenden Angehörigen in Deutschland finden hingegen sozialpolitisch wenig Beachtung und das obwohl Studien zeigen, dass ihre Lebensbedingungen von hoher Bedeutung für die bedarfsgerechte Versorgung alter Menschen sind.

Vor diesem Hintergrund will der geplante Beitrag der Frage nachgehen, inwiefern Sozialpolitik Handlungsspielräume von pflegenden Angehörigen alter Menschen eröffnet oder verschließt und welche Bedeutung diese Dynamiken für die heterogenen Bedarfe von Pflegehaushalten haben. Dabei soll unter anderem auf die Wirkung des Familienpflegezeitgesetzes eingegangen werden. Dieser Frage soll auf der Grundlage erster Ergebnisse einer empirischen Studie, die aus der sozialisationstheoretischen Perspektive der Lebensbewältigung untersucht, wie pflegende Angehörige bei der Versorgung alter Menschen handlungsfähig bleiben und welche Bedeutung ihre Lebenslage für ihre Handlungsfähigkeit hat, bearbeitet werden. Dafür wird eine Auswertung problemzentrierter Interviews mit pflegenden Angehörigen vorgestellt und im Hinblick auf sozialpolitische Adressierung perspektiviert. Von diesen ersten Ergebnissen ausgehend sollen im geplanten Beitrag dann mögliche Konsequenzen für die Weiterentwicklung konzeptioneller Ansätze der sozialgerontologisch orientierten Sozialen Arbeit und sozialpolitischer Interventionen zur Adressierung sozialstruktureller Ungleichheiten bei der Gestaltung von Versorgungsarrangements diskutiert werden.

15:15
Bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf. Zur Wirksamkeit gesetzlicher und betrieblicher Maßnahmen in kleinen und mittelständischen Unternehmen.
S29-18-04 

K. Knauthe; Görlitz

Aufgrund der steigenden Lebenserwartung und des späten Renteneintrittes gewinnt das Thema Erwerbstätigkeit und Pflegeverpflichtung in Deutschland zunehmend an Bedeutung. Besonders in peripheren Gebieten weisen Arbeitnehmer*innen ein hohes Durchschnittsalter auf. Für Beschäftigte jenseits der 50 ist es sehr wahrscheinlich, dass sie aktuell oder zukünftig ein älteres Familienmitglied versorgen müssen. Die Debatte der spezifischen Herausforderung, Pflege und Erwerbstätigkeit nachhaltig zu gestalten, gilt inzwischen als dringliches politisches und betriebliches Handlungsfeld, mit dem Ziel, Vereinbarkeitsstrategien in den Unternehmen zu befördern. Häufig verursacht die Doppelbelastung bei den Beschäftigten multidimensionale psychische und physische Symptomatiken. Diese stehen unter dem Verdacht, die Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz einzuschränken, für Absentismus zu sorgen und in letzter Konsequenz einen verfrühten Berufsausstieg zur Folge zu haben. Dem entgegenzuwirken, ist nicht nur das Anliegen der Unternehmen, die wegen der Knappheit an qualifiziertem Personal unter erhöhtem Wettbewerbsdruck stehen, sondern auch das Anliegen der pflegenden Angehörigen, für welche der Beruf eine wichtige Komponente im Pflegealltag darstellt. Er erfüllt neben dem monetären Aspekt eine zentrale soziale Aufgabe und stellt einen Rückzugsort von der anstrengenden Pflegetätigkeit dar. Die Aufrechterhaltung der Erwerbsarbeit ist daher ein favorisierter Wunsch auf Arbeitnehmer*innen- und Arbeitgeberseite. Vor diesem Hintergrund untersucht die Autorin in ihrer Dissertation existierende betriebliche Strategien zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Ziel ist es, Strategien ausfindig zu machen, die zu einer tatsächlichen Entlastung der Beschäftigten führen und die Autonomie der Unternehmen nicht (oder möglichst verträglich) beeinträchtigen. Es wird gezeigt, welche Methoden zu mehr Flexibilität führen, und welche Anpassungen für eine pflegefreundliche Arbeitskultur noch vorzunehmen sind.

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