Freitag, 29.09.2017

09:30 - 11:00

N 206

Session: Technik

Moderation: A. Hedtke-Becker, Mannheim

09:30
Verbreitung und Gründe zur Nutzung von digitalen Technologien zum Selbst-Tracking bei älteren Personen in der Schweiz
S29-05-01 

A. L. Schlomann, A. Seifert; Köln, Zürich/CH

Mobile digitale Technologien wie Smartphones, Smartwatches, Fitness-Tracker und dazugehörige Apps ermöglichen ein individuelles und kontinuierliches Erfassen von Bewegungsverhalten (Selbst-Tracking) mit einfachen Mitteln. Empirische Studien haben gezeigt, dass Selbst-Tracking zu einer Steigerung der körperlichen Aktivität bei älteren Personen führt. Ausreichend Bewegung kann zur Prävention von gesundheitlichen Einschränkungen im höheren Alter beitragen. Die generelle Verbreitung von Selbst-Tracking bei älteren Personen sowie motivationale Aspekte sind bisher weitgehend unerforscht.

Die vorliegende Studie untersucht die Verbreitung und die Gründe zur Nutzung von Selbst-Tracking Technologien bei älteren Personen. Die Ergebnisse basieren auf einer im Hinblick auf Alter, Geschlecht und Bildung repräsentativen Stichprobe der Schweizer Bevölkerung ab 50 Jahren. Im November 2016 wurden dazu 1.013 Personen (Ø-Alter: 65,3 Jahre; 53% weiblich) in einem Telefoninterview befragt.

Ein Fünftel (20,5%) der Befragten gab an, ein mobiles Gerät zum Selbst-Tracking zu nutzen. Weitere 50% der Befragten nutzten mobile Geräte ohne diese zum Selbst-Tracking zu verwenden. Die Kontrolle physischer Aktivität und die Motivation für ein gesünderes Leben waren häufig genannte Gründe zum Selbst-Tracking. Soziale Aspekte wie der Austausch mit Freunden oder dem Hausarzt standen für die meisten Personen hingegen nicht im Vordergrund.

Die vorliegende Studie ist eine der ersten, die die Nutzung mobiler Technologien zum Selbst-Tracking bei älteren Personen repräsentativ erforscht hat. Neben der relativ großen Verbreitung digitaler Technologien insgesamt zeigen die Ergebnisse auch, dass soziodemografische Faktoren sowie generelles Technikinteresse die Nutzung von Geräten zum Selbst-Tracking beeinflussen. Die Ergebnisse tragen so dazu bei, die Nutzung von Selbst-Tracking durch Ältere besser zu verstehen und weisen auf ungenutzte Potenziale sowie die Notwendigkeit von gesundheitstheoretisch geleiteten Weiterentwicklungen der Geräte hin.

09:50
Der Zusammenhang zwischen Gesundheitszustand und Nutzung assistiver Technologien
S29-05-02 

D. Schwertfeger, B. Pottharst, A. Hoff; Görlitz

Die Wohnung ist im Alter Mittelpunkt des Lebens und die Wohnbedingungen bestimmen wesentlich die Lebensqualität älterer Menschen. Unter dem Eindruck der gegenwärtigen demografischen Entwicklung, einem Familienstrukturwandel und Arbeitsmarktdynamiken stellt sich die Frage, wie in Zukunft die Lebenssituationen und Wohnbedingungen zu Gunsten alter Menschen gestaltbar sind. Eine an den Bedarfen im Alter orientierte Wohnraumanpassung unter Einsatz technischer Assistenzsysteme birgt großes gestalterisches Potenzial in Fragen des guten Alterns. Im BMBF-geförderten Forschungsprojekt „Vertrauen in Assistenz-Technologien zur Inklusion“ (VATI) wurden ältere Menschen in Ostsachsen zu ihren Erfahrungen mit technischen Hilfsmitteln im häuslichen Umfeld befragt. Die Stichprobe umfasst Menschen, die älter als 60 Jahre sind und zu Hause wohnen. Die Längsschnittdaten der zwei Befragungswellen sollen Auskunft über altersgerechte Wohnraumansprüche geben, die Selbstständigkeit und Lebensqualität bis ins hohe Alter ermöglichen. Mit dem Datensatz wurde u.a. die Frage bearbeitet, ob bei Nachlassen des gesundheitlichen Zustandes oder einzelner sensorischer, motorischer und kognitiver Fähigkeiten die Bereitschaft zu einer Nutzung sowie die tatsächliche Nutzung von Assistenztechnologien zunimmt. In diesem Sinne wurde folgende Hypothese eruiert: Ist eine Abnahme des gesundheitlichen Zustandes gegeben, steigt die Bereitschaft zur Nutzung assistiver Technologien und die Regelmäßigkeit einer Nutzung dieser. Die anleitende Fragestellung rekurriert gleichermaßen auf die Forschungsthemen älterer Menschen mit Behinderung sowie älterer Menschen mit (chronischen) psychischen oder physischen Erkrankungen.

10:10
Einsatz von technologischen Hilfen bei der sozialen Pflege von Senioren in England – Ergebnisse der UTOPIA Studie
S29-05-03 

N. Steils, J. Woolham, M. Fisk, J. Porteus, K. Forsyth; London/GB, Leicester/GB, Stroud/GB, Edinburgh/GB

Die Studie UTOPIA (Using Telecare for Older People In Adult Social Care) untersucht wie englische Kommunalbehörden Telecare in der sozialen Hauspflege älterer Menschen einsetzt. Sie wurde von der britischen School for Social Care Research finanziert. In der Präsentation werden Ergenisse der Studie im Detail vorgestellt, sowie die Vor- und Nachteile unterschiedlicher kommunaler Telecare-Modelle diskutiert.

Grundlagen: Obwohl das englische Hauspflegesystem in den letzten Jahren herbe Finanzeinbußen hinnehmen musste, haben Kommunen weiterhin massiv in Telecare investiert. Telecare (auch assistierende Technologien) steht hier zusammenfassend für unterschiedliche elektronische Hilfsmittel und Systeme, die Pflegebedürftige und Pflegende direkt einsetzen (z.B. Bewegungsmelder, Medikamentenspender und GPS-Überwachung) und/oder die extern überwacht werden (wie Hausnotrufsysteme und Umweltsensoren). Das Ziel von UTOPIA war systematisch zu untersuchen, (1) in welcher Form und mit welcher Begründung englische Kommunen Telecare einsetzen und (2) welche Vor- und Nachteile der Telecare-Einsatz hat.

Methodik: „Mixed-Method“ Design:

1.) Quantitative Online-Umfrage an alle 152 englischen Kommunalbehörden. Rücklaufquote 75%/n = 114.

2.) 25 qualitative Interviews mit behördlichen Bereichsleitern für Telecare.

3.) 4 Kommunen-Fallstudien: 21 qualitative Interviews mit Sozialarbeitern, Technikern und Personal, das auf Alarmierungen durch Telecare reagiert und ggf. Nutzer aufsucht („first responder“), sowie mit pflegenden Angehörigen.

Ergebnisse: Telecare wird in England eingesetzt, um Senioren größtmögliche Unabhängigkeit bei gleichzeitiger Risikominimierung zu ermöglichen, und um informell Pflegende zu unterstützen. Kommunen versprechen sich dazu signifikante Einsparungen im Hauspflegebereich trotz Telecare-Systemkosten. Dabei unterscheiden sich Vorgehensweisen und Technologiepräferenzen: (1) einige Kommunen bieten Senioren individuell zugeschnittene Telecare an, andere setzen auf standardisierte Telecare-Pakete; (2) je nach Kommune werden dabei unterschiedliche Untersuchungs- und Beratungsmethoden eingesetzt; und (3) während manche Kommunen „first responder“ bereitstellen, um auf Telecare-Alarme zu reagieren, setzen andere auf informell Pflegende und privatfinanzierte Anbieter.  

10:30
Bedarfsorientierte Technikgestaltung durch Partizipation, Interdisziplinarität und Methodenkombination
S29-05-04 

M. Grates, A.-C. Kotschate, M. Vukoman, H. Rüßler; Dortmund

Technische Produkte können (ältere) Menschen dabei unterstützen, ihr Leben selbstbestimmt und selbstständig zu gestalten sowie die Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe benachteiligter Gruppen erhöhen. Damit Ältere in solchen Produkten einen Mehrwert sehen und diese nutzen (können), müssen sie bedarfsgerecht gestaltet sein. Deshalb gewinnt Partizipation der potenziellen Nutzer*innen in der Technik- bzw. Designentwicklung zunehmend an Bedeutung. Häufig bilden die Beteiligten jedoch nicht die Heterogenität der Gruppen Älterer ab, so dass die tatsächlichen Anforderungen an die technischen Produkte zum Teil verfehlt werden. Dieses Problem offenbarte sich auch im partizipativen Entwicklungsprozesses einer digitalen Quartiersplattform, die im Rahmen des interdisziplinären Verbundprojektes „QuartiersNETZ“ exemplarisch in vier Quartieren Gelsenkirchens entwickelt wird. Ergebnisse der Evaluation zeigten, dass insbesondere die Personengruppen, die am meisten von einer digitalen Quartiersplattform profitieren könnten (z. B. Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, alleinlebende Hochaltrige), nicht an der Entwicklung, die in offenen Arbeitsgruppentreffen organisiert war, teilnahmen.

Um den Gefahren der Selektion sowie den Exklusionsmechanismen zu begegnen und die bedarfsgerechte Entwicklung zu optimieren, wurde folgende interdisziplinäre, methodenplurale Vorgehensweise entwickelt: Eine repräsentative, schriftliche Befragung der Bevölkerung 50+ der vier Modellquartiere (N = 1.186) diente als Grundlage für eine Lebenslage-Typisierung. Mittels einer hierarchisch-agglomerativen Clusteranalyse wurden neun Lebenslagetypen identifiziert. Für jeden dieser Lebenslagetypen suchten die beteiligten Praxispartner*innen vor Ort „Repräsentant*innen“ für qualitative Interviews. Die im Tandem durchgeführten Interviews (Informatik, Sozialgerontologie) verfolgten das Ziel, lebenslagespezifische Ressourcen, Probleme und Bedarfe zu erheben und dadurch Anforderungen möglichst aller verschiedenen Gruppen Älterer in die Entwicklung der digitalen Plattform einspeisen zu können.


Der Beitrag hat zum Ziel, den Mehrwert, Herausforderungen und Grenzen der entwickelten methodenpluralen und interdisziplinären Vorgehensweise in der partizipativen Technikentwicklung aufzuzeigen und zu reflektieren.

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