Freitag, 29.09.2017

14:15 - 15:45

N 108

S29-14

Session: Zukunftsszenarien für die häusliche Pflege?

Moderation: K. Hämel, Bielefeld

14:15
Pflegeunterstützung mit einer interaktiven Puppe für informell Pflegende – Anforderungen der Nutzer an die Puppe und Messung der Effekte
S29-14-01 

V. Reuter, A. Kuhlmann; Dortmund

Pflegesituationen stellen für informell Pflegende eine Herausforderung dar. Das interdisziplinäre Projekt "OurPuppet" (BMBF, Laufzeit 01.05.2016 – 30.04.2019) verfolgt das Ziel, informell Pflegende durch Einsatz innovativer Mensch-Technik-Interaktion mittels einer interaktiven (Hand-) Puppe zu unterstützen und zu entlasten, Besorgnisse um das Wohlergehen des pflegebedürftigen Menschen bei Nichtanwesenheit zu reduzieren und Kommunikation in der Pflegebeziehung zu verbessern. Die Puppe enthält moderne Sensorik sowie Kommunikationsfunktionalitäten. Es wird untersucht, inwiefern der Einsatz der Puppe zu einer Verbesserung des Wohlbefindens und der Beziehungsqualität zwischen Pflegenden und zu Pflegenden beiträgt. Der Prozess der Technikeinführung im häuslichen Umfeld wird zudem durch Puppet-Begleiter unterstützt, die in einer partizipativ konzipierten Schulung auf die psychosoziale Begleitung und die Technikeinführung vorbereitet werden.

Zur benutzerorientierten Entwicklung der Puppe wurden die Bedarfe von pflegenden Angehörigen, Pflegebedürftigen, ehrenamtlichen Pflegebegleitern und professionell Pflegenden erhoben sowie typische Situationen im Pflegealltag und mögliche Interventionen identifiziert. Basierend darauf werden die technischen Funktionen der Puppe entwickelt. Einzelne technische Komponenten wurden in ersten Nutzertests mit Menschen mit Demenz und ihren pflegenden Angehörigen erprobt und evaluiert. Die ethisch-sozialen Dimensionen der innovativen Mensch-Technik-Interaktion wie der Datenschutz werden prozessbegleitend evaluiert. Methoden: leitfadengestützte Interviews, Fokusgruppen-, Experteninterviews, Beobachtung sowie inhaltsanalytische Auswertung.

Es werden Ergebnisse der Fokusgruppeninterviews und Nutzertests mit möglichen Interventionen der Puppe sowie Einschätzungen und Anliegen der befragten Zielgruppen zu den Anforderungen an die Puppe vorgestellt. Die Ergebnisse werden mit Blick auf ethisch-soziale Dimensionen des Technikeinsatzes und den weiteren Projektverlauf diskutiert. Darüber hinaus werden Konstrukte zur Messung des Wohlbefindens und der Beziehungsqualität vorgestellt und diskutiert.

14:35
Gestaltung des Alltags älterer und alter Menschen durch Technologien des Ambient Assisted Living
S29-14-02 

C. Kollewe; Heidelberg

Assistive Technologien des Ambient Assisted Living sollen älteren und alten Menschen ein selbstbestimmtes und selbständiges Leben in der eigenen Wohnung ermöglichen. Bisherige Studien zu diesen Technologien beleuchten zumeist technologische oder psychosoziale Aspekte, ökonomische Implikationen oder ethische Herausforderungen. Allerdings werden gesellschaftliche und soziale Fragen, die mit der Einführung dieser Technologien verbunden sind, häufig vernachlässigt: So ist z.B. zu fragen, welche Rolle diesen Technologien bei der Organisation von Care zukommt und ob diese Technologien einen Einfluss auf die Gestaltung von sozialen Beziehungen und des Alltags der NutzerInnen haben. Der Vortrag geht solchen Aspekten nach und lehnt sich dabei an Ansätze aus den Science and Technology Studies an, welche Technik nicht als neutral und objektiv betrachten, sondern als Teil sozialer Strukturen, Praktiken und Machtbeziehungen. Gezeigt wird, wie assistive Technologien dazu beitragen, gesellschaftliche Konzepte und Normen zu (re-)produzieren und den Alltag älterer und alter Menschen zu gestalten. Technologien, die damit beworben werden, dass sie sich an den individuellen Lebensrhythmus einer Person anpassen, können dabei zu einer Standardisierung des Alltags älterer und alter Menschen führen.

14:55
Pflege und Betreuung à la Uber und Airbnb - darf über Plattformen pflegen wer will?
S29-14-03 

U. Otto; Zürich/CH

Ausgangslage: Uber und Airbnb machen es mit benutzerfreundlichen Plattformen vor und boomen: Es wird für Private immer einfacher, sich zwischendurch als Dienstleister zu betätigen. Erste Anbieter tauchen nun auch in Pflege und Betreuung auf - mit grossen Versprechen: viel billiger als Profis; modern, flexibel, kundenorientiert, angeblich streng ausgewählte oft qualifizierte HelferInnen. Deutschland scheint hier innerhalb der deutschsprachigen Länder Vorreiten, u.a. aufgrund des Pflegegelds.

Methode: Bestandsaufnahme (desktop research; Dokumentenanalyse; Interviews); Konzeptvergleich; Diskursanalyse; theoret. Analyse

Ergebnisse: Am Markt tauchen derzeit viele neue Akteure auf, v.a. in Betreuung und Hauswirtschaft, aber auch in der Pflege. Transparenz, Qualifikation, Qualitätssicherung usw. sind zwar sehr unterschiedlich. Aber offensichtlich treffen sie ein Bedürfnis von Anbietern UND Nachfragern.

Schlussfolgerung: Dringend ist zu überprüfen:

  • welche Folgen hat die "Uberisierung" a) für das Ehrenamt, b) für die mühsam erkämpfte Professionalisierung?
  • sind die hohen Gebühren angemessen, oder entziehen sie dem klammen Sozial- und Pflegebereich dringend benötigte Ressourcen?
  • braucht es Regulierung? wo?
  • wie steht es um die Qualitätssicherung, um Patientensicherheit und Konsumentenschutz, wie um Arbeitnehmerrechte?
  • statt bekämpfen: was lässt sich von den neuen Angeboten lernen?
  • Pflege ist viel komplizierter als Taxi oder Wohnen - sind Plattformen hier per se ungeeignet?
  • wie gross ist die Gefahr der Oligopolisierung, die den Qualitätswettbewerb ausschaltet?
  • positiv gewendet: können die neuen Dienste eine Ergänzung der mixed economy of care werden?

Statt kategorischer Abwehr

a) sollten die neuen Dienste als Herausforderung ernstgenommen werden - sie machen Defizite klar,

b) sollte empirisch genau hingeschaut werden mit Kriterien nutzerzentrierter integrierter Versorgung und geteilter Sorge.

c) sollten den kommerziellen Plattformen ggf. systematisch regional orientierte, zivilgesellschaftliche und ggf. genossenschaftsähnliche Plattformen entgegengesetzt werden.

15:15
Heterogenität des Alter(n)s in ländlichen Räumen – Stärkung des Selbstmanagements älterer Menschen hinsichtlich gesundheitlicher und pflegerischer Versorgung als kommunale Handlungsoption
S29-14-04 

J. Weigt; Vechta

In einer Gesellschaft des langen Lebens bildet sich ein „dreifaches Altern“ hinsichtlich einer steigenden Lebenserwartung, bedingt durch die verbesserte medizinische Versorgung ab. Aus diesen strukturellen Veränderungen der Bevölkerung ergeben sich besondere Probleme der medizinischen und pflegerischen Versorgung in Regionen mit einem hohen Altersdurchschnitt und ländlichen Strukturen sowie Abwanderungstendenzen der jungen Bevölkerungsgruppe. Sozialversicherungssysteme, insbesondere die Kranken- und Pflegeversicherung, deren zentrale Aufgabe in der Absicherung des Krankheits- und Pflegerisikos und damit in der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung besteht, aber auch Kommunen, die in der Pflicht sind, die Aufrechterhaltung einer grundständigen Versorgung sicher zu stellen, sehen sich mit diesen Herausforderungen konfrontiert. In ländlichen Regionen findet bereits eine Verschiebung von „Pflege als Haushaltsprodukt“ zur „Pflege als Dienstleistung gegen Entgelt“ statt. Im familiären Setting wird die gesundheitliche und pflegerische Versorgung durch verringertes Unterstützungspotenzial gekennzeichnet. Berufliche Flexibilität, große Wohnortentfernungen und Verfügbarkeiten zeitlicher Ressourcen sind bspw. Gründe für die rückläufige Entwicklung des familiären Potenzials. Vor diesem Hintergrund werden Lösungen zentral, die den Mehrbedarfen an qualifizierter Pflege gerecht werden sowie das Selbstmanagement fördern. Eine derzeit intensiv diskutierte Strategie stellt die Stärkung des Selbstmanagements durch die Unterstützung technischer Lösungen dar. Dabei sind Technologien angesprochen, die umgebungsgestütztes Leben in der eigenen Häuslichkeit sicherstellen sollen. Inwieweit technische Implementierungen in den Haushalten einen Beitrag bspw. zur Unterstützung älterer Menschen sowie eine Zunahme von Eigenverantwortung, zur pflegerischen Entlastung insbesondere in ländlichen Räumen und damit letztlich zur Entlastung der Sozialsysteme und der Kommunen beitragen können, soll zur Diskussion gestellt werden. Es erfolgt eine Darstellung der theoretisch-konzeptionellen Lösungsstrategien in Verbindung mit substantiellen Rahmenbedingungen.

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