Freitag, 29.09.2017

12:00 - 13:30

N 108

S29-08

Session: Sozialräumliche Aspekte

Moderation: J. Heusinger, Magdeburg

12:00
Alt werden im ländlichen Raum - Hürden und Gelingensbedingungen für die Entwicklung alter(n)sfreundlicher Gemeinden
S29-08-01 

B. Wolter, T. Stellmacher; Berlin

Ein selbstbestimmtes und selbstständiges Leben im Alter unterliegt in strukturschwachen, ländlichen Regionen besonderen Herausforderungen. Von der Daseinsvorsorge über die Teilhabe- und Beteiligungsmöglichkeiten bis hin zu individuellen (und innovativen?) Wohn- und Mobilitätsformen unterscheiden sich Angebote und Strukturen, möglicherweise auch die Bedarfe, in urbanen und ländlichen Räumen erheblich. Auf Ebene der Landkreise, kreisfreien Städte und Dörfer bestehen verschiedene Handlungs- und Gestaltungsspielräume, die sich u. a. aus strukturellen, räumlichen und kulturellen Rahmenbedingungen ableiten. Im Modellprojekt „Fachstellen für Alter und Pflege im Quartier“ (FAPiQ) wird seit 2015 eine Beratungs- und Qualifizierungsstruktur im Bundesland Brandenburg aufgebaut. Das Bundesland ist besonders stark von steigendem Pflegebedarf in der Bevölkerung bei einem gleichzeitigen, ebenfalls steigenden Fachkräftemangel betroffen. In dem Modellprojekt werden regionale Fachstellen geschaffen, in denen Akteure in den Kommunen und Kreisen im Umgang mit dem demografischen Wandel beraten werden. Der Beitrag stellt den Aufbau der Fachstellen aus der Perspektive der wissenschaftlichen Begleitung vor und leitet Gelingensbedingungen und Hürden für die Entwicklung alter(n)sfreundlicher Gemeinden in Brandenburg ab. Zur Diskussion gestellt wird ein Entwurf für eine Typisierung von förderlichen und hinderlichen Einflussfaktoren auf die Förderung und Stärkung alternder Gemeinden im ländlichen Raum.

12:25
„Aging in Place“ – Prädiktoren für den Wunsch nach betreutem Wohnen zu Hause
S29-08-02 

A. Beyer, M. Treml, R. Rupprecht; Nürnberg, Regensburg

Solange wie möglich in der bisherigen Wohnung wohnen zu bleiben, ist der Wunsch vieler älterer Menschen. Betreutes Wohnen zu Hause (BWzH) stellt hier ein vielversprechendes neueres Wohnkonzept dar. Jedoch ist bisher noch wenig über potentielle Nutzerstrukturen dieser Wohnform bekannt.

Anhand einer Einwohnermeldeamtsstichprobe (10% der Bevölkerung zwischen 75 und 85 Jahren) aus einer bayerischen Stadt wurde untersucht, welche Prädiktoren eine zukünftige Entscheidung für das BWzH vorhersagen könnten. Die Teilnahmequote betrug 43% (N=524). Für die vorliegende Fragestellung wurden Daten von N = 370 Personen (57 % Frauen, 38% Ein-Personen-Haushalt, durchschnittliche Wohndauer in der aktuellen Wohnung: 33 Jahre, SD=18.9) ausgewertet.

Die hier betrachteten Befragten gaben bei der Frage nach Wohnformen, die für sie zukünftig in Frage kommen, Wohnformen mit mehr oder weniger großen Unterstützungsbedarf an. Etwa 65% der Befragten können sich dabei BWzH als eine Alternative bei zunehmenden Unterstützungsbedarf vorstellen.

Eine hierarchische, logistische Regressionsanalyse ergab die Variablen „hohe Wohnverbundenheit“, „bessere Gehfähigkeit“, „Schwierigkeiten beim selbständigen Erreichen von Einkaufsmöglichkeiten und/oder medizinischen Einrichtungen“, sowie „aktueller Hilfebedarf bei kleineren Reparaturen im Haushalt oder der Gartenarbeit“ und vor allem „Wohnen im Eigentum“ als signifikante Prädiktoren für eine potentielle Entscheidung für BWzH.

Die Ergebnisse zeigen zum einem relativ hohe Erwartungen an die Wohnform BWzH, und zum anderen eine enge Verbundenheit mit der Wohnung und der Wunsch trotz nachlassender Ressourcen zu Hause wohnen bleiben zu können. Im Hinblick auf kommunale sowie marktwirtschaftliche Planungen und Entscheidungen sollte dies berücksichtigt werden.

12:50
Heterogene Lebenswelten alter Menschen im kommunalen Nahumfeld der Megapolis Istanbul
S29-08-03 

S. Becher- Çelik; Mainz

Dieser Vortrag beschäftigt sich mit dem Thema Altersbilder in der Türkei am Beispiel eines Stadtbezirkes der  Megapolis Istanbul im Rahmen eines nahezu abgeschlossenen interdisziplinären Dissertationsprojektes mit Zuordnung zum Fach Islamwissenschaft. Es wird der Frage nachgegangen, wie Alter(n) wahrgenommen wird und wie sich Alltagsleben und Lebenssituationen alter Menschen unter den Herausforderungen einer sich wandelnden Gesellschaft darstellen. Prämisse ist die zentrale Bedeutung des kommunalen Nahumfeldes besonders für alte Menschen. Es wird das Ziel verfolgt anhand von Lebensräumen und Aktivitäten alter Menschen, Konzepte des Lebens im Alter herauszuarbeiten, um hier ggf. Maßnahmen ableiten zu können. Die Einsichten in Denkweise und Handlungsduktus können auch für das Verständnis des Alter(n)s türkischer Muslime in Deutschland herangezogen werden.

Die Fragestellungen wurden im Rahmen eines Grounded-Theory-Methodologie (GTM) basierten Forschungsprojektes immer weiter konkretisiert, die qualitativen Daten mittels leitfragengestützter Interviews mit Personen im mittleren Lebensalter, Experten sowie teilnehmender Beobachtung gewonnen. Die Auswertung erfolgte unter Einbezug des aktuellen Forschungsstandes nach GTM und Verfahren der Textanalyse.

Im Ergebnis zeigen sich deutliche Muster hinsichtlich Einteilung und Kategorisierung einander kaum berührender Lebenswelten alter Menschen im kommunalen Nahumfeld in Bezug auf Räume und Aktivitäten. Es erfolgt in der Regel eine selbstverständliche Unterscheidung der Interessengebiete und Aktivitäten nach Geschlecht. Diese benenne ich als “Sphären der Weiblichkeit” und “Sphären der Männlichkeit”. Zugleich konnte ich eine Aufteilung des Raumes anhand des Grades der Religiosität, der Verbundenheit zur Herkunftsprovinz oder dem finanziellen Status feststellen. So war es möglich, anhand der vorgenommenen Zuordnungen, Bewegungsprofile der alten Menschen im städtischen Raum, nachzuzeichnen. In diesem Kontext ist auch bedeutsam, wann man im türkischen Kulturkreis überhaupt als alt wahrgenommen wird und welche Folgen sich daraus ergeben. Hinzu kommt, dass der gesellschaftliche Wandel, auch bedingt durch wirtschaftlichen Aufschwung der Türkei, zu neuen Facetten des Alters führt.

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