Donnerstag, 28.09.2017

13:30 - 15:00

N 206

S28-05

Wohnsituation und palliative Versorgung von Menschen mit geistiger Behinderung im Alter

Moderation: F. Dieckmann, Münster

Im Zentrum des Symposiums stehen Menschen mit geistiger Behinderung im Alter. Die Lebenserwartung dieses Personenkreises ist in Deutschland erheblich gestiegen (vgl. Dieckmann & Giovis 2016). In Deutschland gibt es allerdings nur wenig empirische Daten zu dessen Lebenssituation im Alter.

Das Institut für Teilhabeforschung der KatHO NRW Münster befasst sich in zwei Schwerpunkten mit dem Wohnen von Menschen mit geistiger Behinderung im Alter (Prof. Dieckmann) und mit der palliativen Versorgung dieses Personenkreises (Prof. Schäper).

In welchen Wohnsettings leben ältere Menschen mit geistiger Behinderung? Dieser Frage gehen Bianca Rodekohr und Antonia Thimm im BMBF-Projekt MUTIG nach. Welche Bedeutung als Wohnort hat im Alter noch die Herkunftsfamilie? Wo finden sich ältere Menschen mit geistiger Behinderung in der Vielfalt der entstandenen ambulant oder stationär unterstützten Wohnformen? Welche Relevanz haben allgemeine und spezielle Pflegeeinrichtungen als Wohnort im Alter?

Auch ältere Menschen mit geistiger Behinderung wollen mehrheitlich im Alter in ihrer vertrauten Umgebung wohnen bleiben (können).  Umso spannender ist der Blick auf Umzüge: Wie häufig kommen Umzüge im Alter vor? Und von wo nach wo wird umgezogen? Welche Faktoren sind ausschlaggebend für einen Umzug im Alter und wie werden Menschen, die schon oft in ihrem Leben Fremdbestimmung erfahren haben, an Umzugsentscheidung beteiligt? Ein Fokus der Analyse liegt dabei auf dem Umzug in stationäre Pflegeeinrichtungen.

Die Begleitung und Unterstützung am Lebensende ist der Forschungsgegenstand von Anja Ostrop. Sie gibt einen Überblick über vorliegende Erkenntnisse zur palliativen Versorgung von Menschen mit geistiger Behinderung in Deutschland. Und sie entwickelt Forschungsfragen, die für die Entwicklung einer Versorgungsstruktur relevant sind, die Teilhabe am Lebensende in den Vordergrund rückt und bei der die allgemeinen Dienste, Einrichtungen und Vereine  (zum Beispiel Hospizdienste, medizinische Angebote, Seelsorge) mit dem Sektor der Behindertenhilfe kooperieren.

Ein Vergleich der Wohnsituation, der Umzüge und der palliativen Versorgung von geistig behinderten Menschen im Alter mit der der Allgemeinbevölkerung eröffnet die Diskussion. Transferorientiert stellt sich die Frage, wie in einem angestrebten inklusiven Gemein- und Sozialwesen ein Maximum an Teilhabe und Selbstbestimmung erreicht werden kann, ohne zielgruppenspezifische Lebenslagen und Unterstützung aus dem Auge zu verlieren.

13:30
Umzüge älterer Menschen mit geistiger Behinderung in Westfalen
S28-05-01 

B. Rodekohr, A. Thimm, T. Haßler; Münster

Die selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung ist gemäß der UN-BRK (z. B. Art. 8) auch im Alter sicherzustellen. Umzüge im Alter sind kritische Lebensereignisse. Solche Übergänge bergen Exklusionsrisiken für Menschen mit geistiger Behinderung, weil gewohnte, oft mühsam aufgebaute Bezüge verloren gehen. Andererseits kann ein Umzug auch selbstbestimmt geplant sein, um andere Teilhabechancen zu ergreifen und um mit Beeinträchtigungen im Alter besser umgehen zu können. Vorgestellt werden Ergebnisse aus dem BMBF- Forschungsprojekt MUTIG (Modelle unterstützter Teilhabe für Menschen mit geistiger Behinderung im Alter innovativ gestalten).  Auf Basis der Daten zu Eingliederungshilfeberechtigten des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) wurden für die Jahre 2014 und 2015 Sekundäranalysen zu Umzügen und zu Wechseln der Leistungsart (SGB XI und SGB XII, ambulant und stationär) durchgeführt. Ziel der Untersuchung war, einen Überblick zu bekommen, wie häufig welche Art von Umzügen und Leistungswechseln bei älteren Menschen mit geistiger Behinderung vorkommen. So ziehen etwa 6 % dieser Menschen ab 50 Jahren innerhalb eines Jahres um. Hauptrichtungen sind Übergänge in Pflege und in stationäre Wohnsettings, allerdings gibt es auch im Alter Wechsel von stationären in selbstständigere Wohnformen, wie z.B. in das ambulant betreute Wohnen. Die meisten Menschen mit Behinderung haben den Wunsch, im Alter in der vertrauten Umgebung wohnen bleiben zu können („Ageing in place“). Daher ist es von Interesse zu erfahren, welche Faktoren einen Einfluss darauf haben, dass Menschen mit geistiger Behinderung im Alter umziehen (müssen) und inwieweit die Menschen mit geistiger Behinderung selbst an Entscheidungsprozessen beteiligt werden. Dabei spielt der Übergang in stationäre Pflegeeinrichtungen eine besondere Rolle. Bisher gibt es dazu kaum Erhebungen und keine offiziellen Statistiken. Im Projekt MUTIG wurden Primärerhebungen in allgemeinen sowie speziellen Pflegeeinrichtungen  u. a. zu Umzugsgründen sowie Fallstudien zur Aufnahmepraxis in Pflegeeinrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung durchgeführt.  Diese zeigen, dass Umzüge stark von organisatorischen Abläufen und Entscheidungen der Träger abhängen und die Teilhabe der Betroffenen sowie die Erarbeitung von Alternativen in der Regel nicht erfolgt. Die Ergebnisse tragen zur kritischen Auseinandersetzung zum selbstbestimmten Wohnen von Menschen mit geistiger Behinderung im Alter bei.

13:55
Wohnsituation von älteren Menschen mit geistiger Behinderung am Beispiel Westfalen-Lippe
S28-05-02 

A. Thimm, B. Rodekohr, T. Haßler; Münster

In Deutschland ist die Zahl von Menschen mit geistiger Behinderung in höherem Lebensalter in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Zum einen hängt dies mit der gestiegenen Lebenserwartung dieses Personenkreises dank des medizinischen und sozialen Fortschritts zusammen, zum anderen hat nach der systematischen Ermordung von Menschen mit geistiger Behinderung in der Nazizeit die erste Generation, die in der Nachkriegszeit geboren und aufgewachsen ist, das Rentenalter erreicht. In den letzten Jahren sind die Wohn- und Lebensformen von Menschen mit geistiger Behinderung vielfältiger geworden. Mit den (leistungsrechtlichen) Etiketten „ambulantes“, „stationäres“ oder „familiäres Wohnen“ lässt sich heute nur noch unzureichend beschreiben, wo, mit wem und wie Menschen mit geistiger Behinderung wohnen. Zudem gewinnen im Alter auch für Menschen mit geistiger Behinderung Pflegeinrichtungen als Wohn- und Lebensorte an Bedeutung. Für eine differenziertere Beschreibung der Wohnsituation fehlt es in Deutschland allerdings an systematisch erfassten Daten zu diesem Personenkreis, v.a. liegen bislang kaum Daten dazu vor, wie viele Menschen mit geistiger Behinderung in Pflegeeinrichtungen leben. Im Rahmen des BMBF- Forschungsprojekt MUTIG (Modelle unterstützter Teilhabe für Menschen mit geistiger Behinderung im Alter innovativ gestalten) erfolgte eine differenzierte Ist-Analyse der derzeitigen Wohnsituation von älteren Menschen mit geistiger Behinderung am Beispiel Westfalen-Lippe. Dazu wurden zum einen vorliegende Daten des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) zu Menschen mit geistiger Behinderung, die Leistungen der Eingliederungshilfe erhalten, mit Blick auf die Anzahl und Altersstruktur in verschiedenartigen Wohnsettings ausgewertet. Ergänzend wurden Primärerhebungen in speziellen Pflegeheimen und in allgemeinen Altenpflegeheimen durchgeführt, um die Anzahl der dort lebenden geistig behinderten Menschen zu erfassen. Mehr als die Hälfte der über 50-jährigen Menschen mit geistiger Behinderung lebt in stationären Wohneinrichtungen nach SGB XII, der Anteil steigt mit zunehmendem Alter. Die meisten von ihnen leben in einem gemeindeintegrierten Wohnheim. Aufgrund der erhobenen Daten leben geschätzt etwa 24 % der 65-jährigen und Älteren mit geistiger Behinderung in Westfalen-Lippe in stationären Pflegeeinrichtungen.

14:20
Die palliative Versorgung von Menschen mit geistiger Behinderung im Alter
S28-05-03 

A. Ostrop; Münster

Der Beitrag beschäftigt sich mit der Lebenssituation älter werdender Menschen mit geistiger Behinderung in ihren aktuellen Wohn-, Begleit- und Versorgungskontexten am Ende des Lebens in Nordrhein-Westfalen. Anhand vorliegender Daten aus der Berichterstattung des Ministeriums für Arbeit, Integration und Soziales, in Verbindung mit einer eigenständigen Literaturanalyse und Neuerungen in (sozial-)gesetzlichen Anforderungen, werden Fragestellungen herausgearbeitet, die für die Entwicklung einer alter(n)sbezogenen und teilhabeorientierten Forschung und Praxis relevant sind.

Empirische Studien zu den gegenwärtigen palliativen Begleit- und Versorgungssituationen der Personengruppe in Deutschland liegen kaum vor. Die Auswertungen der Forschungsgrundlagen weisen auf gesamtgesellschaftlich umzusetzende Neuausrichtungen von Versorgungssettings hin. Eine kulturdiagnostische Perspektive ist für eine alter(n)sgerecht zu gestaltende bedürfnis- und bedarfsanerkennende Lebens-, Hospiz- und Palliativkultur mit einzubeziehen. Demografische Entwicklungen, mit einer überproportional anwachsenden ersten Generation an älter werdenden Menschen mit geistiger Behinderung, nach den „Euthanasie“-Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus, die Zunahme an alterungsbedingten und komplexen Erkrankungen sowie verfrühten Sterberisiken, erfordern neue Konzepte zur Ausgestaltung passgenauer, präventiv wirksamer Teilhabe- und Versorgungslandschaften. Personenzentrierte Formen der Begleitung von Menschen mit geistiger Behinderung sind in bestehende (palliative) Versorgungsettings und –netzwerke zu integrieren.  Zudem sind lebensweltliche Ressourcen, zur Minderung altersrelevanter (Gesundheits- / und Sterbe-)Risiken, zu aktivieren.

Die Gestaltung alter(n)sgerechter (palliativer) Lebens- und Versorgungslandschaften stellt alle beteiligten Akteure vor die Herausforderung, sich sowohl zielgruppenspezifisch als auch sektorenübergreifend neu zu orientieren. Der Beitrag plädiert dafür, einen partizipativ und interdisziplinär auszugestaltenden Diskurs in Forschung und Praxis auf diese Aufgaben hin zu eröffnen.  

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